„Der Schulalltag ist leider alles andere als stabil und verlässlich!“

Zum Start des neuen Schuljahres fehlen erneut mehr als 2000 Lehrkräfte. Auch deshalb fordert der VBE Hessen den Ausbau von multiprofessionellen Teams an allen Schulen - und die überfällige Entbürokratisierung des Schulalltags.

Der Schulalltag ist leider alles andere als stabil und verlässlich“, kommentiert Stefan Wesselmann, der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Hessen, die Bilanz des Kultusministers zur Bildungspolitik der vergangenen Jahre. „Im Gegenteil: Jeder Tag ist eine neue Herausforderung – und das hat ganz wesentlich mit dem Personalmangel an den Schulen zu tun!“

Schätzung: über 2000 unbesetzte Lehrerstellen

Zwar ist es korrekt und lobenswert, dass im Haushalt 2023 Geld für 3300 neue Stellen für Lehrkräfte bereitgestellt wurde. Trotzdem hat sich die Lage an den Schulen weiter zugespitzt. Denn nicht alle diese Stellen konnten besetzt werden; der VBE Hessen geht inzwischen von deutlich mehr als 2000 unbesetzten Planstellen an hessischen Schulen aus. Zudem zeigt sich der Lehrkräftemangel an den über 7000 befristeten Vertretungsverträgen – denn die wurden nicht mit ausgebildeten Lehrkräften abgeschlossen, sondern mit Studierenden oder Menschen aus völlig anderen Berufen.

Mangelfächer und weniger Wahl-Angebote

Längst lässt sich der Personalmangel nicht mehr durch das hohe Engagement der Lehrkräfte ausgleichen, die (noch) an den Schulen sind - kein Wunder also, dass die Qualität der Bildung nach Einschätzung vieler Eltern gesunken ist, wie es das jüngste ifo-Bildungsbarometer belegt. Die Unterrichtsgrundversorgung steht an vielen Schulen auf der Kippe, selbst an den weiterführenden Schulen, die bislang im Vergleich zu Grund- und Förderschulen besser mit Lehrkräften versorgt waren, ist nicht mehr überall der Fachunterricht gewährleistet, zum Beispiel in Fächern wie Physik und Chemie, Kunst und Musik. Fast überall müssen Wahl- und Ganztagsangebote wie AGen gestrichen werden, Förderunterricht kann nur eingeschränkt angeboten werden.

Gute Ansätze: UBUS und Schulgesundheitsfachkräfte

Der VBE Hessen erkennt die Anstrengungen des HKM für bessere Bildung und bessere Arbeitsbedingungen an den Schulen durchaus an: Der Bildungsetat ist deutlich gestiegen, die vom VBE Hessen lange und vehement geforderte faire Bezahlung für Grundschullehrer/innen (A13) ist auf dem (wenngleich langen) Weg und wird das Lehramt an Grundschulen für den Nachwuchs sicher attraktiver machen. Die 2018 geschaffene Möglichkeit, sozialpädagogische Fachkräfte zur unterrichtsbegleitenden Unterstützung (UBUS) einzustellen, war ein Schritt in die richtige Richtung, ebenso die Einführung der leider noch sehr wenigen Schulgesundheitsfachkräfte. „Doch das reicht längst noch nicht. Die Politik muss diesen Weg unbedingt weitergehen – egal, wer nach dem 8. Oktober in Hessen regiert“, fordert der VBE-Landesvorsitzende.

Hoher Bedarf an psychologischer Versorgung

Dazu gehört aus Sicht des VBE Hessen, multiprofessionelle Teams an allen Schulen zum Standard zu machen. Dafür müssen die UBUS-Stellen dringend ausgeweitet werden, das Projekt zu den Schulgesundheitsfachkräften muss entschiedener vorangetrieben werden und das Team an Schulpsychologen und -innen muss deutlich aufgestockt werden. „Denn wer sich die Zahlen des HKM genau anschaut, merkt: Wir sind selbst von einer Mindestversorgung noch ein Stück entfernt. Wir brauchen aber deutlich mehr, denn bekanntlich hat die Pandemie bei vielen Schülern Spuren hinterlassen und aus der Ukraine kommen viele Kinder und Jugendlichen traumatisiert an unsere Schulen“, stellt Stefan Wesselmann klar.

Bürokratie-Abbau: Versprechen nicht eingelöst

Einen großen Beitrag zur Entlastung der Kolleginnen und Kollegen an den Schulen würde außerdem eine Maßnahme bringen, die der Kultusminister auf seiner Pressekonferenz zum Start des neuen Schuljahres nicht angesprochen hat: die Ent-Bürokratisierung des Schulalltags. Die schwarz-grüne Regierung hat vor 5 Jahren einen Koalitionsvertrag mit der Losung „Entlastung für Schulen und Lehrkräfte – volle Konzentration auf den Unterricht“ vorgelegt. Konkret hieß es dort: „Wir streben eine Straffung und Abschaffung von Berichts- und Dokumen-tationspflichten an. Hierzu werden wir einen … Beirat aus Schulpraktikerinnen und Schulpraktikern … einrichten, der bestehende Verwaltungsvorschriften auf ihre Entbehrlichkeit oder Vereinfachbarkeit hin überprüfen soll.“
„Das hat uns damals hoffen lassen“, sagt der VBE-Landesvorsitzende. „Doch das Gegenteil ist eingetreten: Getrieben von der Sorge um Rechtssicherheit werden den Schulen ständig weitere Berichts- und Dokumentationspflichten auferlegt. Der Brocken, den die Regierung zu beackern hat, ist daher leider größer als kleiner geworden.“

 

Foto: Nota Thanun / unsplash