Verbale, psychische und physische Gewalt gegen Lehrkräfte nimmt seit Jahren zu. Der VBE Hessen fordert, dass Gewalttaten endlich konsequent verfolgt werden und den Betroffenen psychologische Unterstützung angeboten wird.
Drei von vier Lehrkräften haben in ihrem Berufsleben bereits verbale Beschimpfungen oder Beleidigungen erlebt. Auch Bedrohungen sind häufig: Fast die Hälfte der Lehrer/innen wurde schon verbal, psychisch oder physisch bedroht. Das ist das Ergebnis einer Studie, die der Dachverband des VBE Hessen, der dbb Hessen, in Auftrag gegeben hat und die vom Institut für Kriminologie der Uni Gießen durchgeführt wurde.
„Die Studie bestätigt leider das Bild, das wir durch die Beratung unserer Mitglieder und insbesondere die Rechtsschutzfälle gewonnen haben“, kommentiert der VBE-Landesvorsitzende Stefan Wesselmann. Die Lehrerin, die von Eltern wegen angeblich „gefährdenden Umgangs“ mit Kindern verleumdet wird. Der Lehrer, der von einem Schüler mit einem Stuhl so verletzt wird, dass er mehrere Wochen dienstunfähig ist. Die Lehrerin, die von Schülern im Internet mit Fotos und Kommentaren bloßgestellt und bedroht wird. Dies sind nur drei von unzähligen Beispielen aus dem Schulalltag.
Hinter der Statistik: individuelle Geschichten und dauerhafte Folgen für Körper und Seele
„Wir beobachten seit geraumer Zeit eine Verrohung der Gesellschaft. Der Umgangston ist rauher, Kritik wird häufig nicht sachlich vorgetragen, sondern persönlich und beleidigend. Das gilt für den persönlichen Kontakt, aber per E-Mail und Social Media scheinen oft gar keine Hemmschwellen mehr zu existieren“, erläutert der VBE-Landesvorsitzende.
Die Gewalt an sich ist schon schlimm genug, denn hinter der Statistik stecken lauter persönliche Geschichten mit Verletzungen von Körper und Seele und manchmal dauerhaften Folgen. Doch dazu kommt leider noch, dass Betroffene meist keine Unterstützung erfahren. „Immer wieder bitten Mitglieder uns als ihre Gewerkschaft um Unterstützung, weil der Dienstherr seiner Fürsorgepflicht nicht nachkommt“, berichtet Wesselmann aus der Beratungsarbeit des VBE Hessen.
Eine Einbahnstraße: Gewalttaten werden gemeldet – und dann passiert: nichts!
Dies belegt auch die Studie: In vielen Fällen werden Schulleitungen informiert, wissen Bescheid und melden die Vorkommnisse an die Schulämter – aber dann passiert häufig nichts außer Beschwichtigungen nach dem Motto: „So ist das eben in unserem Job“. Dagegen sind Reaktionen wie eine Klärung des Sachverhalts, Strafanzeigen bzw. die Prüfung juristischer Konsequenzen sowie die Unterstützung durch Schulpsychologen und -psychologinnen sehr selten.
Ein unhaltbarer Zustand, stellt Wesselmann klar: „Gewalt gehört nicht zu unserem Berufsbild. Und es ist auch nicht unsere Privatangelegenheit, nach einem Gewaltvorfall im Dienst den privaten Klageweg zu gehen!“ Der VBE Hessen fordert daher eine klare Haltung des Staates: Gewalttätige Übergriffe gegen Dienerinnen und Diener des Staates müssen konsequent verfolgt und bestraft werden – egal, ob diese Polizistinnen und Polizisten, Mitarbeiter/innen im Job-Center oder eben Lehrkräfte sind.
Was fehlt: Eine klare Ansage aus dem Kultusministerium
„Der Schutz von Lehrkräften und allen anderen Professionen in der Schule muss zur Chef-Sache erklärt werden“, fordert der VBE-Landesvorsitzende. Das heißt: Die Staatlichen Schulämter müssen vom Kultusminister die klare Ansage erhalten, dass Vorfällen von physischer, psychischer und verbaler Gewalt konsequent nachzugehen ist – und dafür muss es klare Regeln geben. Ferner müssen die Schulämter den betroffenen Personen aktiv Unterstützung durch die Schulpsychologie und durch Juristinnen bzw. Juristen anbieten, die im Strafrecht versiert sind (zum Beispiel über die Kooperationen mehrerer Schulämter mit einem Strafrechtler bzw. einer Strafrechtlerin).
Haltung zeigen und Grenzen aufzeigen – gegen Respektlosigkeiten auch jenseits der Schule
Die Gewalt gegen Lehrkräfte ist nicht allein ein Problem der Schulen, stellt der VBE-Landesvorsitzende abschließend klar: „Es ist nur ein Ort, an dem sich zeigt, wie der Respekt vor Beschäftigten im öffentlichen Dienst verloren geht. Und wenn wir nicht in den Schulen, die ja zentrale Orte von Bildung und Erziehung sind, Grenzen aufzeigen und gegen gewalttätiges Verhalten konsequent vorgehen, vermitteln wir sowohl Schülern und Schülerinnen als auch Eltern den fatalen Eindruck: Ich kann machen, was ich will – es passiert ja doch nichts.“