„Wir dürfen Schüler mit seelischen Erkrankungen  und ihre Lehrer im Unterricht nicht alleine lassen“

„Wir dürfen Schüler mit seelischen Erkrankungen und ihre Lehrer im Unterricht nicht alleine lassen“

VBE Hessen kommentiert Expertise zu Schülern mit emotional-sozialen Entwicklungsstörungen aus Landessicht +++ Wenig Förderschulen und Therapieplätze für betroffene Kinder +++ Folge: Kinder mit seelischen Erkrankungen in der „Warteschleife“ in der Regelschule +++

Der VBE Hessen kann zentrale Erkenntnisse der heute vom VBE Bundesverband vorgestellten Expertise zum Förderbedarf von Kindern und Jugendlichen mit emotional-sozialen Entwicklungsstörungen (ESE) aufgrund zahlreicher Erlebnissen und Erfahrungen hessischer Lehkräfte bestätigen.

ESE beschreibt Bandbreite an Störungen
Der Förderbedarf ESE beschreibt nicht nur Verhaltensauffälligkeiten wie Konzentrationsstörungen oder Schwierigkeiten mit dem Einhalten von Regeln, sondern schwerwiegende Verhaltensprobleme bis hin zu seelischen Erkrankungen. Der VBE-Bundesverband hatte die Expertise bei dem Rehabilitationswissenschaftler Prof. Dr. Bernd Ahrbeck in Auftrag gegeben, emeritierter Professor der Humboldt-Universität zu Berlin. Er macht deutlich, dass jeder zweite „ESE“-Schüler intensive sonderpädagogische Förderung benötigt.

Mehrheit der ESE-Kinder besucht die Regelschule
Tatsache ist allerdings, dass die meisten dieser Kinder und Jugendlichen eine Regelschule besuchen. Dort sind die Doppelbesetzung mit Lehrkraft / Sonderpädagoge sowie die Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams zugunsten einer gelungenen intensivpädagogischen Beschulung aber die Ausnahme – und dann auch nur für ein paar Stunden pro Woche. Das gilt auch für Hessen. Die Regelschulen bekommen zwar Unterstützung durch die regional und überregional arbeitenden Beratungs- und Förderzentren (BFZ), doch sind die Ressourcen für Beratung und den Einsatz im Unterricht insgesamt viel zu knapp. Viele „ESE“-Schüler müssen ganz ohne Unterstützung auskommen.

Fast alle Förderschulen in privater Hand
Während es in Hessen für Kinder und Jugendliche mit Lernbehinderungen und mit Sinnesbehinderungen staatliche Förderschulen gibt, befinden sich Schulen für Schülerinnen und Schüler mit dem Förderbedarf ESE fast ausschließlich in Hand von privaten Trägern. „Es ist nicht leicht, dort einen Platz zu ergattern und einen Zuschuss für das Schulgeld zu bekommen“, kommentiert Stefan Wesselmann, Landesvorsitzender des VBE Hessen.

Für Kinder und Jugendliche mit schwerwiegenden Probleme ist die Lage in Hessen also besonders ungünstig, zumal die Wartezeiten in Tageskliniken und stationären Einrichtungen lang sind: Bis „ESE“-Schüler zu einer ordentlichen Diagnose und einer entsprechenden Therapie kommen, können mehrere Monate vergehen. „Diese Zeit verbringen sie dann – meist ohne weitere Unterstützung – in der Regelklasse“, erläutert Stefan Wesselmann: „Das ist eine Belastung für die betroffenen Schülerinnen und Schüler selbst und überfordert auch die Klassengemeinschaft sowie die Lehrerin oder den Lehrer. Wir halten das für absolut unverantwortlich gegenüber allen Beteiligten.”

Kindeswohl als oberstes Kriterium
Die inklusive Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung hat für den VBE Hessen zwar einen hohen Wert. Doch ist der Besuch der Regelschule sicher nicht für alle Schülerinnen und Schüler mit emotional-sozialem Förderbedarf ratsam. „Das Kindeswohl ist für uns der entscheidende Punkt“, so Wesselmann. Grundsätzlich sei Inklusion – auch mit Blick auf andere Förderbedarfe – nur dann vertretbar, wenn dafür ausreichend und fachlich qualifiziertes Personal an der Schule sei.

Die ESE-Expertise finden Sie hier.

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