Rückschritt statt Fortschritt: Corona bremst Inklusion komplett aus

Rückschritt statt Fortschritt: Corona bremst Inklusion komplett aus

(09.11.2020) „Die Inklusion lief schon vor der Pandemie sehr holprig. Während des Lockdown war sie tot – und auch jetzt bleibt es schwierig“, kommentiert Stefan Wesselmann, der Landesvorsitzende des VBE Hessen, die heute vorgestellte forsa-Umfrage des VBE Bundesverbands zur Inklusion mit Blick auf Hessen.

Im Blick hat der VBE hier zum einen die Schüler/innen mit chronischen Krankheiten, die zur Risikogruppe zählen und komplett der Schule fernbleiben. Der Unterricht zu Hause unterscheidet sich in Umfang und Methodik von dem der Klassenkameraden in der Schule – und natürlich fehlen den „Risiko-Schülern“ die sozialen Kontakte aus dem Schulalltag (siehe auch die PM des VBE Hessen vom 20.10.20 zum Distanzunterricht).

Zum anderen hatte und hat das Lernen unter Corona-Bedingungen dramatische Folgen für Schüler/innen mit den Förderbedarfen „Lernen“ oder „sozial-emotionale Entwicklung“. Denn diese Kinder und Jugendlichen sind auf enge Begleitung und Unterstützung angewiesen, der Umgang mit digitalen Lernformen und besonders das selbstständige und selbst organisierte Lernen zu Hause überfordern die meisten von ihnen.

Wenig Hilfe oder kein Computer im Elternhaus
Erschwert wird die Situation dadurch, dass die Eltern in vielen Fällen nicht helfen können oder es im Elternhaus an Computer, Internet, Drucker u.ä. fehlt. „Diese Kinder wurden während der Schulschließungen abgehängt. Bei einem weiteren Lockdown drohen sie ganz auf der Strecke zu bleiben“, warnt der VBE-Landesvorsitzende Wesselmann.

Um den Kontakt zu halten, haben viele (Förderschul-)Lehrkräfte ihre Schüler/innen zu Hause besucht und Lern-Materialien gebracht; das kommt auch jetzt noch oft im Distanzunterricht vor. Doch die Teilhabe-Assistenzen (THA), die für die meisten Schüler/innen mit Förderbedarf so wichtig sind, durften zu Beginn des Lockdown vielerorts nicht in die Familien gehen, um dort mit den Schüler/innen zu Hause zu lernen. Inzwischen gelten, je nachdem wer die THA bezahlt, unterschiedliche Regelungen.

Förderung – nur nach dem Gießkannen-Prinzip
Auch im „angepassten“ oder „eingeschränkten Regelbetrieb“ der Schulen, der in Abhängigkeit von der Infektionslage vor Ort zu organisieren ist, ist eine individuelle Förderung kaum möglich. Die Schüler/innen sollen möglichst in festen Lerngruppen lernen – gemischte Fördergruppen wie z.B. „Lerninseln“ für Lesen, Schreiben und Rechnen passen da nicht ins Konzept. Allerdings sind solche Lerngruppen äußerst hilfreich, um die wenigen Förderstunden zu bündeln, die den einzelnen Kindern zugewiesen werden.

Dazu kommt, dass Förderschul-Lehrkräfte „vor Corona“ in der Regel in mehreren Klassen oder gar an mehreren Schulen im Einsatz waren. Gemäß den Hygiene-Vorschriften haben sie sich auf eine Lerngruppe bzw. wenige Kinder zu beschränken – mit der Folge, dass andere Schüler/innen leer ausgehen. „Jetzt rächt es sich, dass die sonderpädagogische Unterstützung nur mit der Gießkanne verteilt wird: für dieses Kind 1 Stunde, für jenes 2 Stunden“, kritisiert Wesselmann. Um im Bild zu bleiben: Für manche Kinder mit Förderbedarf sind aktuell nur noch ein paar Tropfen übrig.

Der VBE-Landesvorsitzende stellt daher klar: „Wir brauchen an allen Schulen ausreichend Förderschul-Lehrkräfte, so dass in allen Klassen, wo sonderpädagogischer Förderbedarf besteht, Tandems aus Regel- und Förderschul-Lehrkräften zum Einsatz kommen können.“

Lehrkräftemangel schlägt voll durch
Seit langem schon fordert der VBE Hessen multiprofessionelle Teams an den Schulen, wozu auch Schulgesundheitsfachkräfte gehören. „Dass Lehrkräfte an den Schulen fehlen, ist nichts Neues. Aber in der Pandemie, die feste Lerngruppen, Distanzunterricht und Lehrkräfte im Home Office nach sich zieht, schlägt der Personalmangel voll durch“, stellt der VBE-Landesvorsitzende fest.

Jene Kinder, die ohnehin schon benachteiligt sind, sind aktuell doppelt gestraft: Sie verlieren den Anschluss ans Lernen und machen Rückschritte in ihrer sozial-emotionalen Entwicklung. „Gerade für sie und damit die Inklusion nicht komplett erlahmt, müssten wir die Schulen offen halten. Aber angesichts der Infektionszahlen müssen wir uns schon fragen, wie lange das allen Beteiligten noch zuzumuten ist“, beschreibt Wesselmann das Dilemma der Lehrerinnen und Lehrer.

Für den Erhalt der Förderschule
Die forsa-Umfrage bestätigt den VBE Hessen auch in der Position, dass die Wahlfreiheit zwischen Förderschule und inklusivem Unterricht an der Regelschule erhalten bleiben muss. Denn laut Studie sprechen sich 83 Prozent der Befragten für den Erhalt der Förderschulen aus, obwohl 56 Prozent die gemeinsame Beschulung sinnvoll finden.

Darin spiegelt sich aus Sicht des VBE Hessen nicht nur die Enttäuschung über die mangelhaften Rahmenbedingungen für die Inklusion wieder – sondern auch die Überzeugung, dass Inklusion nicht für jedes Kind der beste Weg ist.

Artikel als PDF downloadenDrucken