„Ob Masernimpfung, Sturm Sabine oder Corona: Schulleitungen fühlen sich oft alleine gelassen“

„Ob Masernimpfung, Sturm Sabine oder Corona: Schulleitungen fühlen sich oft alleine gelassen“

(20.03.2020) „Wer sich fragt, warum viele Schulleiterinnen und Schulleiter mit ihrer Arbeit nicht mehr glücklich sind und ihre Funktion nicht weiterempfehlen würden, braucht nur auf die Ereignisse der letzten Wochen zu schauen“, kommentiert Stefan Wesselmann, der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Hessen, die forsa-Umfrage zur Berufszufriedenheit von Schulleitungen.
Die halbgare Einführung der Impf-Pflicht gegen Masern, das Kommunikationsdebakel beim Sturm Sabine und die Hängepartie vor den Schulschließungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie: In allen drei Fällen wurde deutlich, dass die Politiker/innen bei ihren Entscheidungen den Alltag an den Schulen nicht im Blick haben.

Selbständige Schule heißt nicht: Schulleitungen alleine lassen

Zur Impf-Pflicht, die seit 1. März 2020 gilt, gibt es bis heute keinen umfassenden Leitfaden zur Umsetzung – abgesehen von der Tatsache, dass Schulleiter sich nun mit Kürzeln und Impfstoff-Namen in Impfbüchern vertraut machen müssen, um das Vorhandensein vom Impfungen zu überprüfen.

Angesichts des Sturms „Sabine“ versandte das Hessische Kultusministerium (HKM) erst am Samstagabend eine Mail an die „Poststellen“-Adressen der Schulen, die jedoch nur in der Schule abrufbar sind – und die enthielt letztlich auch nur die Aussage, dass die Entscheidung den Schulleitungen überlassen sei. „Die Folge: Unzählige Telefongespräche zwischen den Schulleitern vor Ort und schlaflose Nächte, ob die gefällte Entscheidung die richtige war“, berichtet der VBE-Landesvorsitzende Wesselmann und ergänzt: „Entscheidungen abwälzen und die Schulen sie dann ausbaden lassen, damit macht sich Politik unter dem Deckmäntelchen ´selbständige Schule´ gerne einen schlanken Fuß.

Corona: Langes Schweigen im HKM

Auch das Krisenmanagement in Sachen Corona lief nicht ideal: Während Medien und Öffentlichkeit schon über verstärkte Schutzmaßnahmen und Schulschließungen diskutierten, kam auf Nachfrage aus dem HKM nur die lapidare Ansage: auf Hygienemaßnahmen achten, keine Klassenreisen in Risikogebiete.

Als die Landesregierung schließlich am vergangenen Freitag die Schulschließungen ankündigte, zeigte sich dann, dass hinter den Kulissen sorgfältig geplant worden war (u.a. war eine Liste der Personen vorbereitet, die für ihre Kinder eine Notbetreuung in Anspruch nehmen dürfen.) „Doch nun wird nahezu täglich die Corona-Verordnung verändert, worüber wir aber von den Staatlichen Schulämter nicht automatisch informiert werden. So müssen 1800 Schulleiterinnen und Schulleiter morgens erstmal selbst im Internet Gesetzestexte recherchieren und Neuerungen ausfindig machen, bevor sie an ihre Arbeit gehen können. Das ist ein Unding!“

Belastende Dauerbrenner: Inklusion und Digitalisierung

Die forsa-Befragung im Auftrag des VBE Bundesverband spricht ferner Themen an, die den Schulleitungen seit Jahren zu schaffen machen. So ist bei der Inklusion immer wieder zu erleben, dass nach einem Förderausschuss das Staatliche Schulamt nach dem Willen der Eltern entscheidet und nicht nach dem Wohl des Kindes. „Manche Juristen in den Schulämtern stärken den Schulen nicht nur nicht in den Rücken, sie fallen uns immer wieder den Rücken – wenn sie z. B. nach Elternbeschwerden Ordnungsmaßnahmen gegen Schülerinnen und Schüler aufheben“, so Wesselmann.
Die schleppende Digitalisierung ist ein weiteres Thema, das Schulleitungen als belastend empfinden. Vom Antrag auf Gelder über die Auswahl von Hard- und Software, den Umgang mit Lizenzen bis zu Fortbildungen für Lehrkräfte gilt es vieles zu klären und zu organisieren. Und hier geht es nicht nur um die Versorgung der Schule mit WLAN – viele Schulen wünschen sich einfach nur gut funktionierende PC-Arbeitsplätze für Schüler/innen, ganz zu schweigen von Dienstrechnern für Lehrkräfte.

Die Folgen davon zeigen sich auch jetzt, bei den Schulschließungen: Die allermeisten Lehrkräfte arbeiten – aus Mangel an PCs in den Schulen – von zuhause aus und von privaten Geräten. „Der Datenschutz, den die Landesregierung sonst so hochhält, wird jetzt einfach mit einem Merkblatt an die Lehrkräfte zum Umgang mit personenbezogen Daten am häuslichen PC erledigt“, kritisiert der VBE-Landesvorsitzende Stefan Wesselmann. „Und die Ironie der Geschichte ist: Die Landesregierung kann froh sein, dass die Digitalisierung an den Schulen noch so wenig fortgeschritten ist – denn sonst würde das jetzt schon überforderte Schulportal vollends zusammenbrechen.“

Weitere Informationen zur forsa-Umfrage finden Sie auf:
https://www.vbe.de/presse/pressedienste-2020
oder
https://www.vbe.de/service/meinungsumfragen

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