„Mit dem Wechselmodell wären alle Kinder  in der Schule – aber nicht zu viele gleichzeitig“

„Mit dem Wechselmodell wären alle Kinder in der Schule – aber nicht zu viele gleichzeitig“

(09.02.2021) Angesichts der Diskussion, ob der Lockdown verlängert werden soll oder ob eine Rückkehr zum Präsenzunterricht unter strengen Hygieneregeln denkbar ist, bekräftigt der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Hessen seine Position: „Das Wechselmodell ist aus unserer Sicht der einzig gangbare Weg, wenn wir gleichermaßen den Anspruch auf Bildungsgerechtigkeit und auf Gesundheitsschutz erfüllen möchten“, sagt der VBE-Landesvorsitzende Stefan Wesselmann. Er erläutert: „Mit dem Wechselmodell könnten wir sicher sein, dass immer nur die Hälfte einer Klasse da ist – aber in der Summe hätten wir alle Kinder in der Schule!“

Aufhebung der Präsenzpflicht: ein Bärendienst
Daher begrüßt es der VBE Hessen, dass die Landesregierung am Wechsel-modell als nächstem Schritt festhält (wenngleich eine Woche später als geplant). Denn die Aufhebung der Präsenzpflicht, die zum 11. Januar vom Hessischen Kultusministerium beschlossen worden war, hat genau das zur Folge, was der VBE Hessen befürchtet hatte: An manchen Grundschulen ist in einigen Klassen deutlich mehr als die Hälfte aller Schüler/innen vor Ort, Tendenz von Woche zu Woche steigend. Zudem sind es leider weniger die bildungsfernen Familien, die ihre Kinder in die Schule schicken – also jene, die eigentlich Begleitung und Unterstützung beim Lernen dringend bräuchten. „Mit der Aufhebung der Präsenzpflicht hat das Kultusministerium Lehrkräften und benachteiligten Kindern und Jugendlichen einen Bärendienst erwiesen“, bilanziert daher Wesselmann.

Bittere Pille: Schüler/innen ab Jahrgangsstufe 7 weiter zu Hause
Der VBE-Landesvorsitzende zeigt sich erleichtert, dass für die jüngeren Schüler/innen nun etwas „Schul-Normalität“ zurückkehren soll. Zugleich weist er darauf hin, dass der Distanzunterricht auch für Schüler/innen in den höheren Klassen kein Selbstläufer und ohne Probleme ist. „Auch für die Jugendlichen wäre es natürlich besser, wenn sie im Wechselmodell in die Schule kommen könnten. Doch bei dem Mangel an Räumen und Personal ist das definitiv nicht möglich, wenn gleichzeitig Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten sind“, kommentiert Wesselmann.

Notbetreuung: nur für wirklich systemrelevante Berufe!
Parallel zum Wechselmodell eine Notbetreuung anzubieten, hält der VBE Hessen angesichts der räumlichen Möglichkeiten und des Personalmangels an den Schulen für äußerst schwierig. „Gleichzeitig ist uns bewusst, dass wir Eltern in systemrelevanten Berufen den Rücken freihalten müssen“, sagt Wesselmann. Der VBE Hessen appelliert daher an die Landesregierung, für den Fall einer Notbetreuung die Liste der systemrelevanten Berufe knapp zu halten. Eine ständige Erweiterung der Liste wie im ersten Lockdown dürfe es nicht wieder geben.

Ganztagsmittel für die Notbetreuung: ein pragmatischer Ansatz
Zudem schlägt der VBE Hessen vor, pädagogische Fachkräfte, die in den Betreuungsangeboten der Schulen und in den Horten arbeiten, aber derzeit in Kurzarbeit sind, in der Notbetreuung einzusetzen. „Wir brauchen schnelle und pragmatische Lösungen“, so der VBE-Landesvorsitzende.

Die neue Anlage zum Leitfaden für den Schulbetrieb im Schuljahr 2020/21, die am Montag an die Schulen versandt wurde, stellt heraus, dass für die Notbetreuung auch Geld für den Ganztag – mit anderen Worten: Landesmittel – eingesetzt werden dürfen. „Damit setzt der Kultusminister eine VBE-Forderung um“, lobt Wesselmann und betont: „Mit diesen Mitteln können Schulen beispielsweise die Träger der Schulkind-Betreuung mit der Notbetreuung beauftragen. Das ist pragmatischer und schneller umsetzbar als wenn das Land Hessen erst aufwändige Vereinbarungen mit den kommunalen Spitzenverbänden abschließen muss. Und die Lehrkräfte können sich voll und ganz dem Unterricht ihrer Klassen widmen, da sie nicht in der Notbetreuung gebraucht werden.“

Die Tatsache, dass der Kultusminister bereits am Montag die Schulen über mögliche Veränderungen ab dem 22. Februar informiert hat, gibt immerhin Anlass zur Hoffnung, dass die Schulen diesmal nicht von einem auf den anderen Tag den Unterricht (neu) organisieren müssen. „Schnellschüsse hatten wir in den letzten Monaten genug. Sie haben stark an den Nerven von Schulleitungen und Lehrkräften gezerrt und die Politik einiges an Glaubwürdigkeit gekostet“, kritisiert Wesselmann. „Die Schulen aber brauchen klare und verlässliche Aussagen – egal ob diese nun als Stufenplan oder Leitfaden daherkommen.“

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