Gewalt gegen Lehrerinnen und Lehrer  darf nicht als Privatproblem behandelt werden

Gewalt gegen Lehrerinnen und Lehrer darf nicht als Privatproblem behandelt werden

VBE stellt Umfrage zur Gewalt gegen Lehrkräfte vor +++ 21 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer hat körperliche Gewalt erfahren +++ Prävention dringend notwendig – auch an Grundschulen +++ Gewerkschaft fordert Beratung und Unterstützung durch Schulverwaltung und Politik ein +++

„Gewalt an Schulen spielt sich keineswegs nur zwischen Schülerinnen und Schülern ab. Psychische und physische Gewalt gegen Lehrkräfte ist heute Alltag an vielen Schulen – und zwar von Seiten der Kinder und Jugendlichen als auch von den Eltern“, kommentiert Stefan Wesselmann, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Hessen, die Umfrage „Gewalt gegen Lehrkräfte“. Die repräsentative Umfrage hatte der VBE-Bundesverband beim Meinungsforschungsinstitut Forsa in Auftrag gegeben und heute in Düsseldorf vorgestellt.

Manifest gegen Verrohung von Sprache und Umgangsformen
Der Ton in der Gesellschaft wird rauer, Konflikte eskalieren häufiger, werden schneller und mit härteren Mitteln ausgetragen, Autoritäten werden nicht mehr anerkannt. Dies spiegelt sich auch im Schulalltag wieder. Gegen die zunehmende Aggressivität in Sprache und Umgangsformen hat der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband BLLV daher im September ein Manifest verabschiedet, das der VBE Hessen vorbehaltlos unterstützt: „Wir möchten weder Rücksichtslosigkeit und Brutalität noch eine Radikalisierung in unserer Gesellschaft und an den Schulen“, begründet Wesselmann.

Beleidigungen bei den Kindern, Cybermobbing bei den Jugendlichen
In der Forsa-Umfrage nannten 55 Prozent der befragten Lehrkräfte Fälle aus den vergangenen fünf Jahren, in denen Lehrkräfte beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt wurden. Selbst betroffen von psychischer Gewalt war ein Viertel der Befragten. Vor allem an den weiterführenden Schulen ist Cybermobbing mittlerweile ein großes Problem. Fast jede dritte befragte Lehrkraft gab an, dass dies an ihrer Schule schon vorgekommen sei.

21 Prozent aller Lehrkräfte hat schon körperliche Gewalt erfahren
Von Fällen, in denen Lehrerinnen und Lehrer in den vergangenen 5 Jahren körperlich angegriffen wurden, wussten 21 Prozent bundesweit zu berichten. Selbst Erfahrungen mit körperlicher Misshandlung, zum Beispiel schlagen, schütteln, stoßen, treten, boxen, mit Gegenständen werfen, an den Haaren ziehen, mit den Fäusten oder Gegenständen prügeln haben 6 Prozent der befragten Lehrkräfte gemacht.

Der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann macht deutlich: „6 Prozent von knapp 755 000 Lehrkräften an allgemeinbildenden Schulen: Das sind über 45 000 Lehrerinnen und Lehrer, die tätlich angegriffen wurden. Wir reden hier also nicht über Einzelfälle!“ Auf Hessen mit seinen knapp 60 000 Lehrerinnen und Lehrer umgerechnet, wären das noch rund 3600 Fälle körperlicher Gewalt. „Und jeder Fall ist einer zuviel“, stellt Stefan Wesselmann vom VBE Hessen klar.

Keine Beratung und Unterstützung durch den Dienstherrn
Wesselmann sieht ein weiteres Problem in der fehlenden Beratung und im fehlenden Rückhalt für die Opfer von Gewalt: „Lehrerinnen und Lehrer dürfen von ihrem Dienstherrn erwarten, dass der sich schützend vor sie und unterstützend hinter sie stellt. Die Realität sieht aber leider anders aus: In Konflikten mit Eltern erleben Lehrerinnen und Lehrer die Schulämter häufig eher als Anwälte der Eltern.“ Außerdem ist es Glückssache, ob sie die Dienste eines Schulpsyschologen beim zuständigen Schulamts in Anspruch nehmen können.

Aus der Forsa-Umfrage geht hervor, dass 57 Prozent der Befragten die „Gewalt gegen Lehrkräfte“ als Tabuthema ansehen. So ist auch zu erklären, dass 15 Prozent der Befragten angaben, bei psychischen Angriffen durch Schüler nichts unternommen haben zu haben. Erfolgte der psychische Angriff durch Eltern, geben sogar 35 Prozent der befragten Lehrkräfte an, den Vorfall nicht gemeldet zu haben. Fehlende Unterstützung der Verantwortlichen – also Schulverwaltung, Landesregierung und Schulministerium –, Zweifel an der Erfolgsaussicht und Angst vor Konsequenzen verhindern also die konsequente Meldung und Verfolgung von psychischen und physischen Angriffen
Gewalt gehört nicht zum Job-Profil der Lehrkräfte
Der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann kommentiert: „Gewalt gegen Lehrkräfte viel zu oft kleingeredet und zum Privatproblem erklärt. Die schlimmste Relativierung lautet: `Das gehört halt zu Ihrem Job.´ Außer professionellen Kampfsportlern ist mir aber keine Personengruppe bekannt, zu deren Job es gehört, sich psychisch und physisch angreifen zu lassen!“

Prävention kann helfen – fehlt aber an den meisten Schulen
Umso wichtiger ist die Prävention von Gewalt. Erfahrungen zeigen, dass zum Beispiel der ständige Dialog mit Schülerinnen und Schülern, ein Schulkodex mit Verhaltensregeln und multiprofessionelle Teams positive Auswirkungen haben, ebenso wie Jugendkoordinatoren der Polizei, die an der Schule über Themen wie Mobbing aufklärt und sich bei Bedarf auch solcher Fälle annimmt.

Allerdings stellt die Politik zu wenig Mittel für solche Arbeitsbedingungen an der Schule zur Verfügung. In der Forsa-Umfrage geben 68 Prozent der Befragten an, dass sie die Zusammenarbeit mit multiprofessionellen Teams als sinnvoll für die Prävention erachten – allerdings arbeiten nur 41 Prozent der Lehrkräfte so. Auch die Jugendkoordinatoren sind keine Selbstverständlichkeit: So haben in Hessen die Grundschulen leider keinen Anspruch auf dieses Angebot.

Die Umfrage macht deutlich: Es besteht akuter Handlungsbedarf.
Der VBE fordert daher:

• Gewalt gegen Lehrkräfte darf kein Tabu-Thema mehr sein.
• Die Dokumentation von Vorfällen hat verpflichtend zu erfolgen.
• Statistiken müssen geführt und veröffentlicht werden.
• Die Lehrkraft muss die volle Unterstützung des Dienstherrn erhalten.
• Entwicklung klarer Strukturen, an wen sich Lehrkräfte wenden können und was nach einem Übergriff zu tun ist.
• Unterstützung der Schulen durch multiprofessionelle Teams.
• Ein breites Fortbildungsangebot.
• Vermittlung von Medienkompetenz als Prävention gegen Cybermobbing.

Zur Forsa-Umfrage
Mit der Forsa-Umfrage werden erstmals Daten zur Gewalt an den Schulen vorgelegt. Bislang gab es solche Daten nur zum Öffentlichen Dienst im Allgemeinen. Befragt wurden jeweils 500 Lehrkräfte Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Die übrigen knapp 500 Befragten stammen aus den übrigen 13 Bundesländern, darunter auch Hessen.

Detaillierte Ergebnisse und Grafiken finden Sie hier: https://www.vbe.de/service/meinungsumfragen/gewalt-gegen-lehrkraefte-2016/

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