Entwurf des neuen Lehrerbildungsgesetzes: eine Mischung aus Einsicht und Ignoranz

Entwurf des neuen Lehrerbildungsgesetzes: eine Mischung aus Einsicht und Ignoranz

(09.02.2022) „Wir sehen einige Verbesserungen, aber leider auch vertane Chancen!“ So hat Stefan Wesselmann, Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Hessen, den Entwurf zur Novelle des Hessischen Lehrer-bildungsgesetzes (HLbG) kommentiert, zu dem am heutigen Mittwoch im Landtag eine Anhörung läuft.

Wesselmann hob in seiner Stellungnahme positiv hervor, dass die Eignung für den Beruf als Lehrkraft künftig schon in einer frühen Phase des Studiums festgestellt werden soll und dass das Praxissemester erst dann stattfinden soll, wenn die Studierenden schon auf theoretische Inhalte zurückgreifen können. „Beides hatte der VBE Hessen seit Jahren gefordert. Wir sind sehr froh, dass hier endlich Einsicht eingekehrt ist“, bemerkte der VBE-Landesvorsitzende.

Gewinn durch die Modularisierung? Nie evaluiert!

Eine solche Einsicht fehlt allerdings an anderer, wichtiger Stelle, denn das Kultusministerium und die Landesregierung halten an der Modularisierung des Vorbereitungsdienstes („Referendariat“) fest. „Und das, obwohl uns weder Ausbilder noch Lehrkräfte oder Mentoren bekannt sind, die diese modularisierte Form der Lehrkräfte-Ausbildung gutheißen“, kritisierte Wesselmann mit Blick auf die fehlende Kontinuität in der Fächer-Ausbildung und auf Unterrichtsbesuche in nicht-fachlichen Modulen, bei denen die fachlichen und fachdidaktischen Kompetenzen der LiV viel zu wenig beachtet werden.

„Trotzdem wurden Sinn und Unsinn der Modularisierung seit deren Einführung im Jahr 2005 nie evaluiert. Das ist unglaublich angesichts der ständigen Erwartung des Ministeriums an die Schulen, dass diese jede Kleinigkeit evaluieren“, kritisierte der VBE-Landesvorsitzende und forderte erneut die Abschaffung der Modularisierung. Denn: „Einfach über alle Einwände der Praktiker hinweg zu gehen, ist schlicht ignorant!“

Längere Studiendauer? Die Studieninhalte verlangen danach!

Als „durchsichtiges Manöver“ verurteilte der VBE-Landesvorsitzende zudem die Tatsache, dass die Studiendauer für die Lehrämter an Grund-, Haupt- und Realschulen nicht von 7 auf 9 Semester verlängert und damit auch nicht der Studiendauer für die Lehrämter an Förderschulen und Gymnasien angepasst werden soll. Und das, obwohl die Studieninhalte mit neuen Themen wie Inklusion, Integration, Unterricht an der Ganztagsschule, Medienbildung und Berufsorientierung umfassender werden. Beim Lehramt an Grundschulen wird darüber hinaus auch ein Fach mehr studiert als in den anderen Lehrämtern.

„Das Studium für das Lehramt Grundschule wird bewusst klein gehalten – mit dem Ziel, den späteren Lehrkräften die Einstiegsbesoldung A13 zu verwehren, die für andere Schulformen Standard ist“, erläuterte Wesselmann und betonte: „Das verkennt die Realität, ist ein Schlag ins Gesicht aller Grundschul-Lehrkräfte und sendet das Signal an den Nachwuchs, sich in anderen Bundesländern nach Stellen umzuschauen.“ Denn in Hessens Nachbarland Thüringen erhalten Grundschul-Lehrkräfte inzwischen die Besoldungsstufe A13, genauso wie in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Schleswig-Holstein.

Standards für den Unterricht? Der HRS macht sie transparent!

Abschließend äußerte der VBE-Landesvorsitzende sein Unverständnis, dass der Hessische Referenzrahmen Schulqualität (HRS) im Entwurf zur Novelle des HLbG nicht einmal erwähnt wird. „Der HRS macht transparent, an welchen Standards sich die Lehrkräfte-Ausbildung und der Unterricht an den Schulen zu orientieren haben. Deshalb reicht es nicht, dass der HRS im Schulgesetz verankert ist. Er muss unbedingt auch in das HLbG aufgenommen werden!“, forderte Wesselmann.

Artikel als PDF downloadenDrucken