Digitalisierung: "niederschmetternd und eines reichen Landes unwürdig"

Digitalisierung: "niederschmetternd und eines reichen Landes unwürdig"

(06.05.2019) Einer forsa-Umfrage unter Schulleitungen zufolge kommt die Digitalisierung an Schulen noch immer viel zu langsam voran. „Die Umfrage macht deutlich, was wir seit langem betonen: Der Digitalpakt wird bei weitem nicht alle Probleme lösen können“, kommentiert der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Hessen, Stefan Wesselmann, die forsa-Umfrage zur Digitalisierung an Schulen, die vom VBE in Auftrag gegeben und heute in Berlin vorgestellt wurde.

W-LAN und Tablets nur an jeder dritten Schule
„Niederschmetternd und eines reichen Landes unwürdig“ nennt Wesselmann die Realität an den Schulen, die sich auch in der Umfrage widerspiegelt: Nur jede dritte Schulleitung sagt, dass in allen Klassen- und Fachräumen Zugang zu schnellem Internet und W-LAN vorhanden sei. Ebenfalls nur jede dritte Schulleitung sagt, dass es mindestens einen Klassensatz digitaler Endgeräte für die Schüler/innen gebe. „Von ausreichenden Dienst-PCs oder der Einrichtung von dienstlichen und einheitlichen Mailadressen für die Lehrkräfte einer Schule mal ganz zu schweigen“, ergänzt der VBE-Landesvorsitzende.

Milliarden-Kosten für Wartung, Lizenzen und Fortbildung
Zwar werden durch den Digitalpakt innerhalb der nächsten 5 Jahre 5 Milliarden Euro investiert, der tatsächliche Bedarf liegt einer Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge jedoch bei 2,8 Milliarden Euro pro Jahr. Den Investitionsstau an Schulen (für Digitalisierung, Sanierung, Ausstattung usw.) hat die KfW in ihrem Kommunalpanel für 2018 auf insgesamt 47,7 Milliarden Euro taxiert.
„Das Geld des Bundes ist also nicht mehr als eine Finanzspritze“, bringt Wesselmann die Situation auf den Punkt. Denn mit der einmaligen Einrichtung von schnellem Internet und W-LAN sowie der Erstausstattung mit Tablets und PCs ist es nicht getan: „Es werden jährlich einige Milliarden Euro zusätzlich nötig sein, für Wartung, Software-Lizenzen, Fortbildungen und Nachrüstung.“ Bei diesen Folgekosten sieht der VBE Hessen auch das Land und die Schulträger in der Pflicht. Bislang lassen diese hier einheitliche Standards und Engagement vermissen. Beispiel IT-Support: „In der Regel hängt es am Schulträger, ob IT-Fachpersonal finanziert wird oder ob die Lehrkräfte mit der Pflege des Netzwerks allein gelassen werden“, stellt Wesselmann mit Blick auf die über 30 Schulträger in Hessen fest.

Einheitliche Ausstattung: eine Frage der sozialen Gerechtigkeit
Die fehlende Ausstattung mit Tablets & Co gleichen zahlreiche Lehrkräfte durch die Methode „Bring your own device“ aus, wie die befragten Schulleitungen in der forsa-Umfrage erwähnten.
Für Wesselmann ist das zwar nachvollziehbar, aber keine echte Lösung: „Wir brauchen eine einheitliche Ausstattung für alle Schülerinnen und Schüler. Es kann nicht sein, dass die Anschaffungen ins Elternhaus delegiert werden und so die soziale Ungerechtigkeit im Schulsystem weiter zementiert wird!“
Denn was dann passiert, offenbart ebenfalls die Umfrage: 70 Prozent der Schulleitungen geben an, dass die Mobbing-Gefahr steige, wenn klar wird, dass ein Kind im Unterricht kein eigenes Gerät nutzen kann. „Unter Schülern spielt es ja leider schon eine Rolle, ob jemand das neueste Smartphone oder nur ein `Steinzeit-Modell` hat“, bemerkt Wesselmann, selbst Schulleiter einer Grundschule im Landkreis Offenbach.

VBE-Bundesvorsitzender sieht Politik unter Druck
Der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann sieht angesichts der Ergebnisse der forsa-Umfrage die Politik unter enormen Handlungsdruck: „Wenn sich die Digitalisierung in der gleichen Geschwindigkeit vollzieht wie in den letzten 5 Jahren, werden wir erst 2034 an allen Schulen einzelne Klassensätze an digitalen Endgeräten haben. Damit führt sich die Politik selbst vor!“

Weitere Informationen zur forsa-Umfrage zur Digitalisierung finden Sie auf der Homepage des VBE Bundesverbands: www.vbe.de.

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