„Die Schulen brauchen für die Selbsttests zuverlässig externe Unterstützung!“

„Die Schulen brauchen für die Selbsttests zuverlässig externe Unterstützung!“

(01.04.2021) „Die Schulen bekommen haufenweise Vorgaben, aber praktisch keine Hilfe durch medizinisches Fachpersonal“, kommentiert Stefan Wesselmann, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Hessen, die Pläne des Hessischen Kultusministeriums zu Antigen-Tests an Schulen nach den Osterferien. Denn diese sollen vor dem Unterricht von den Lehrerinnen und Lehrern „erläutert und begleitet“ werden, wie es in einem von 12 Dokumenten zu Ablauf, Anleitung, Dokumentation und Datenschutz heißt.

Zwar werden darin „Paten“ in Aussicht gestellt, die vom DRK kommen sollen – doch ist das DRK dem Vernehmen nach selbst überrascht von diesem Plan bzw. den ersten Anfragen aus Schulen. „Es ist schwer vorstellbar, dass das DRK die Schulen in Hessen flächendeckend mit so vielen Paten versorgen kann, dass in allen Klassen nach den sehr genauen Vorgaben des HKM getestet werden kann“, bezweifelt Wesselmann.

Selbsttests sorgen für mehr Sicherheit
Der VBE Hessen hat die Idee von Selbsttests von Anfang an begrüßt, weil so für mehr Sicherheit im Schullalltag gesorgt wird. Allerdings hat der Verband früh darauf gepocht, dass nicht die Lehrkräfte für Tests an den Kindern und Jugendlichen in die Pflicht genommen werden dürfen, dass also Lehrkräfte Tests ausgeben, beim Testen anleiten, die Tests wieder einsammeln, überprüfen und dann entscheiden, wer am Unterricht teilnehmen darf und wer nicht.

„Genau das passiert aber jetzt“, kritisiert Stefan Wesselmann und fordert: „Die Schulen brauchen Unterstützung durch medizinisches Fachpersonal, wie es aktuell an ein paar handverlesenen Schulen in einem Modellversuch zum Einsatz kommt.“ Schon in der Vergangenheit gab es immer wieder Modellversuche, die unter besonderen Bedingungen abliefen und im Anschluss für erfolgreich erklärt wurden. In der Umsetzung fehlten dann aber diese besonderen Bedingungen wie z.B. entsprechende personelle Ausstattung.

„Einen Tag vor den Osterferien ein umfassendes Problem auf die Schulen abzuwälzen und noch auf die Beteiligung der schulischen Gremien hinzuweisen ist zynisch und ein Schlag ins Gesicht der ohnehin hoch belasteten Lehrkräfte und Schulleitungen“, fasst Wesselmann die Stimmung an den Schulen zusammen.

Hoher Zeitaufwand, hohe Fehlerquote?
Ohne externe Unterstützung wird nicht nur viel Unterrichtszeit für die Selbsttests der Schüler/innen verloren gehen. Es ist auch mit einer hohen Fehlerquote zu rechnen, da die Lehrkräfte nicht alle Schüler/innen gleichzeitig im Blick behalten können und gerade jüngere Kinder die Tests womöglich nicht korrekt ausführen.

Bei Kindern und Jugendlichen mit motorisch-körperlichen Einschränkungen oder Mehrfachbehinderung kommt erschwerend hinzu, dass viele von ihnen den Test schlicht nicht selbst durchführen können. Für Förderschulen mit entsprechenden Schwerpunkten sowie inklusiv arbeitende Schulen ist externe Unterstützung daher umso wichtiger.

Gefahr der Stigmatisierung von „Verdachtsfällen“
Unbehagen bereitet dem VBE-Landesvorsitzenden zudem der Gedanke, im Falle eines positiven Testergebnisses ein Kind bzw. einen Jugendlichen aus der Klasse nehmen zu müssen. „Das geht nicht, ohne dass der Rest der Klasse es mitbekommt. Und in den letzten Monaten haben wir leider immer wieder erlebt, dass Mitschüler und Eltern selbst bei Verdachtsfällen hysterisch bis feindselig reagiert haben“, beschreibt Wesselmann die Gefahr der Stigmatisierung. Das könne auch durch eine Sensibilisierung der Klasse nicht verhindert werden.

Außerdem sei schwer einzuschätzen, wie die betroffenen Kinder oder Jugendlichen selbst die Nachricht eines positiven Testergebnisses aufnehmen – nicht umsonst ist in den Vorgaben des Kultusministeriums von einer notwendigen „pädagogischen und sensiblen Begleitung des positiv getesteten Kindes“ die Rede. „Nur: Wer soll diese Begleitung leisten, bei dem generellen Personalmangel an den Schulen, der Unterbesetzung infolge der Pandemie und angesichts der Tatsache, dass die Lehrkräfte beim Testen mit ihrer Klasse allein gelassen werden?“, fragt der VBE-Landesvorsitzende Stefan Wesselmann.

Sein ernüchtertes Fazit: „Wir sind bereit, unseren Beitrag zu mehr Sicherheit an den Schulen und zur Bekämpfung des Virus zu leisten – aber unter diesen Bedingungen wird das nicht klappen. Das ist Testen ohne Teststrategie!“

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