„Die Politik muss das Vertrauen der Lehrkräfte in die Inklusion zurückgewinnen!“

„Die Politik muss das Vertrauen der Lehrkräfte in die Inklusion zurückgewinnen!“

VBE stellt Forsa-Lehrerbefragung zur Inklusion vor +++ VBE Hessen fürchtet steigenden Frust durch inklusive Schulbündnisse +++ Größte Herausforderung: Kinder mit seelischen Krankheiten +++ Wesselmann: „Förderschulen werden als Steinbruch für die Inklusion missbraucht“

Die im Auftrag des VBE durchgeführte forsa-Umfrage „Inklusion an Schulen aus Sicht der Lehrkräfte in Deutschland – Meinungen, Einstellungen, Erfahrungen“ zeigt: Die meisten Lehrinnen und Lehrer müssen alleine, ohne Unterstützung durch andere Professionen und nicht ausreichend fortgebildet in zu großen Klassen und zu kleinen Räumen unterrichten. „So wird Inklusion nicht gelingen!“, kommentiert Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), die Ergebnisse der Umfrage.

In Hessen gilt: Masse statt Klasse
Zwar sprechen sich noch 54 Prozent der Lehrkräfte für den gemeinsamen Unterricht aus. Doch Stefan Wesselmann, Landesvorsitzender des VBE Hessen, warnt vor steigendem Frust: „In den vergangenen Jahren ist die personelle und finanzielle Ressource für sonderpädagogische Unterstützung, welche für jedes einzelnen Kind mit Förderbedarf zur Verfügung steht, stetig gesunken. Wir befürchten, dass mit den inklusiven Schulbündnissen in Hessen das Prinzip `Masse statt Klasse´ fortgesetzt wird – zu Lasten der Kinder mit Förderbedarf und ihrer Lehrerinnen und Lehrer.“

Förderschulen sind Steinbrüche für die Inklusion
In der Umfrage gibt fast ein Fünftel der befragten Lehrkräfte an, dass die Regelschule den erhöhten Förderbedarf behinderter Kinder nicht leisten kann. Dies erklärt sicher auch, warum sich 59 Prozent der Befragten für den vollständigen Erhalt der Förderschulen aussprechen und 38 Prozent für einen teilweisen Erhalt votieren. Auch in Hessen gibt es Gründe für die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Die Landesregierung sagt zwar offiziell die Beibehaltung der Förderschulen zu, gleichzeitig verschlechtert sich deren Ausstattung und Angebot, weil die insgesamt zur Verfügung stehenden Mittel für Sonderpädagogik nicht im gleichen Maße steigen wie die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Förderbedarf. „Wir erleben gegenwärtig, dass Förder-schulen als Steinbruch für die Inklusion missbraucht werden“, kommentiert der VBE-Landesvorsitzende Wesselmann. Das bedeute mittelfristig: „Selbst wenn die Eltern weiterhin ein Wahlrecht zwischen Förderschule und inklusiver Beschulung an der Regelschule haben werden, wird es womöglich eines zwischen Pest und Cholera sein.“

Inklusion ohne Barrierefreiheit geht nicht
Der Studie zufolge gibt es an mehr als der Hälfte der Schulen inklusive Lerngruppen (54 Prozent). Dass ihre Schule vollständig barrierefrei ist, berichten jedoch nur 16 Prozent der Befragten. „Hier zeigt sich deutlich: die Politik verweigert die Gelingensbedingungen für Inklusion. Wer Inklusion will, muss die Schulgebäude entsprechend gestalten. Dazu gehören auch Räume für Kleingruppen und Differenzierungsräume, von denen nur knapp über die Hälfte der Befragten berichten“, sagte der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann bei der Vorstellung der Umfrage.
Wesselmann wiederholt in diesem Zusammenhang die Forderung, dass es hessenweite Mindest-Standards für Schulgebäude geben müsse. „Es ist nicht hinnehmbar, dass in Hessen mit seinen über 30 Schulträgern Bildungschancen auch von der Postleitzahl des Wohnortes abhängig sind.“

Inklusion ist für viele Lehrkräfte ein Sprung ins kalte Wasser
Ein weiteres Ergebnis der forsa-Umfrage ist, dass die Lehrkräfte nicht ausreichend auf den inklusiven Unterricht vorbereitet werden. 32 Prozent hatten keine entsprechende Fortbildung; nur ein Viertel hat bereits Erfahrung im gemeinsamen Unterricht gesammelt. Das deckt sich mit den Erfahrungen in Hessen: “Die Lehrerausbildung an der Universität ist noch längst nicht in der Wirklichkeit angekommen. In der Fortbildung gehört Inklusion zwar zu den sogenannten priorisierten Themen, aber das Angebot gleicht dennoch eher einer Wüste“, bringt es der hessische Landesvorsitzende auf den Punkt.

Übrigens: Kinder mit emotional-sozialen Entwicklungsstörungen gelten bei den befragten Lehrkräften als größte Herausforderung. 92 Prozent schätzen deren Förderbedarf als (sehr) hoch ein. Dies deckt sich mit einer Expertise, die der VBE Bundesverband kürzlich vorgestellt hat (siehe: https://www.vbe-hessen.de/aktuelles/pressemitteilungen/artikel/wir-durfen-schuler-mit-seelischen-erkrankungen-und/).

Fachkräfte für die medizinische Versorgung notwendig
Bemerkenswert: Ein Viertel der Lehrkräfte hilft bei der medizinischen Versorgung kranker Schülerinnen und Schüler mit. Mit Blick auf die Inklusion sind aus Sicht des VBE Schulgesundheitsfachkräfte allerdings unumgänglich. An mehreren Schulen in Frankfurt und Offenbach startet dazu in diesen Tagen ein Modellprojekt. „Der VBE Hessen sieht darin einen guten Anfang“, so Wesselmann: „Wir erwarten allerdings, dass Schulgesundheitsfachkräfte hessenweit zum Einsatz kommen und dass deren langfristige Finanzierung möglichst schnell gesichert wird.“

Der VBE-Bundesvorsitzende Beckmann stellte abschließend fest: „Wenn Inklusion gelingen soll, muss das Vertrauen der Lehrerinnen und Lehrer in dieses Konzept zurückgewonnen werden.“ Dafür bedarf es massiver Investitionen in die Gelingensbedingungen, zu denen gehören:
• die Doppelbesetzung mit Lehrkraft und Sonderpädagoge
• der Einsatz durch multiprofessionelle Teams
• die schulbaulichen Voraussetzungen
• kleinere Klassen
• Vorbereitung durch Aus-, Fort- und Weiterbildung

Forsa hat die repräsentative Befragung unter 2050 Lehrerinnen und Lehrern allgemeinbildender Schulen im April und Mai 2017 durchgeführt. Es gibt zusätzlich Stichproben für Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und eine für die drei Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Die Ergebnisse der forsa-Lehrerbefragung können Sie hier einsehen:
http://www.vbe.de/presse/meinungsumfragen.html

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