Der Unterricht läuft weiter im Krisenmodus - das muss die Politik den Eltern ehrlich sagen!

Der Unterricht läuft weiter im Krisenmodus - das muss die Politik den Eltern ehrlich sagen!

(20.10.2020) Während die meisten Schüler/innen am Montag in den Präsenzunterricht
unter verschärften Corona-Auflagen zurückgekehrt sind, sind Mädchen und Jungen, die sich in Isolation bzw. Quarantäne befinden oder Risikogruppen angehören, auf den Distanzunterricht angewiesen.

Allerdings hakt es auch hier aus Sicht des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Hessen an mehreren Stellen – wenngleich das Kultusministerium den Anschein erweckt, dass alle wichtigen Fragen geklärt seien. „Es fängt damit an, dass die einfache Gleichung, wonach Lehrkräfte aus der Risikogruppe die Schülerinnen und Schüler beim Lernen zu Hause unterstützen, nicht aufgeht“, benennt der VBE-Landesvorsitzende Stefan Wesselmann ein zentrales Problem.

Zu wenige Lehrkräfte für den Distanzunterricht
Denn nicht an allen Schulen sind Lehrer/innen im „Home-Office“, die jene Schüler/innen unterrichten könnten, die aus gesundheitlichen Gründen zu Hause bleiben müssen. In solchen Fällen müssen also Lehrkräfte im Präsenzunterricht ihre Schüler/innen per Distanzunterricht quasi nebenbei mit-unterrichten, also mit Materialien versorgen, über Telefon oder per Video Fragen beantworten, Rückmeldungen geben etc. Ein vollumfänglicher, gleichwertiger Unterricht ist dabei schon aus zeitlichen Gründen nicht möglich.
Das alles trifft natürlich auch solche Schüler/innen, die wegen einer angeordneten Isolation oder Quarantäne bis zu 14 Tage zu Hause bleiben müssen.

Mehrarbeit der Lehrkräfte vergüten!
An weiterführenden Schulen kommt als Problem hinzu, dass nicht unbedingt Lehrkräfte aller Fächer für den Distanzunterricht zur Verfügung stehen und fachfremdes Unterrichten meist nicht möglich ist. „Wenn Lehrkräfte aus Verantwortungsgefühl gegenüber ihren Schülern zusätzlich zum Präsenz-unterricht über die für sie geltenden Unterrichtsstunden hinaus auch noch im Distanzunterricht Einsatz zeigen, muss diese Mehrarbeit unbedingt vergütet werden“, fordert der VBE-Landesvorsitzende.

Technische Hürden an den Schulen
Auch beim Lernen selbst sieht der VBE Hessen diverse Schwierigkeiten: Das Lerntempo am Computer ist häufig langsamer als im Klassenzimmer, bedingt durch Zeitverzögerungen in der Übertragung, auftretende technische Störungen oder weil Lehrende und Lernende noch keine Routinen mit Programmen und Tools entwickelt haben. „Ganz abgesehen davon, dass an vielen Schulen – allen voran an kleinen Grundschulen auf dem Land – die technischen Möglichkeiten für den Distanzunterricht komplett fehlen“, erinnert Wesselmann. Auch lässt sich beobachten, dass die Motivation der Schüler/innen, die alleine zu Hause lernen (müssen), sehr schwankend ist.

Offene Fragen bei der Leistungsbewertung
All das müsse berücksichtigt werden, wenn nun Klassenarbeiten geschrieben werden und (mündliche) Noten zu vergeben sind. „Uns ist schon zu Ohren gekommen, dass Eltern ihre Kinder durch den Distanzunterricht nicht gut auf Klassenarbeiten vorbereitet sehen. Da ist der Streit um die Noten vorprogrammiert“, befürchtet der VBE-Landesvorsitzende.

Dazu kommt, dass in der nächsten Zeit vermutlich vermehrt Schüler/innen wegen Krankheit oder Quarantäne eine Klassenarbeit gar nicht mitschreiben können. In all diesen Fällen für einen Nachschreibe-Termin zu sorgen, dürfte unmöglich sein.
Vor allem mit Blick auf Schüler/innen aus Risikogruppen stellt sich manche Lehrkraft die Frage, wie sich die Leistungen realistisch bewerten lassen, wenn die Aufgaben dauerhaft nur zu Hause erledigt werden und die Kinder oder Jugendlichen auch zu Tests nicht in die Schule kommen. Diese Fragen gelten erst recht für Fächer wie Kunst oder Sport.

Der VBE-Landesvorsitzende appelliert deshalb an die Eltern und die Politik: „Wir alle müssen uns bewusst sein, dass wir nach wie vor im Krisenmodus sind. Es wird zwar oft so getan, als könnten wir wieder normal Schule machen, nur eben mit Hygiene- und Abstandsregeln. Aber das ist nicht zu leisten, wir müssen Abstriche machen. Hier muss die Politik endlich ehrlich sein statt bei den Eltern immer wieder neue Erwartungen zu wecken, die nicht erfüllbar sind.“

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