Der Supermarkt ein Hochsicherheitstrakt – die Grundschule ein Versuchslabor?

Der Supermarkt ein Hochsicherheitstrakt – die Grundschule ein Versuchslabor?

(09.06.2020) Es verdichten sich die Anzeichen, dass die Grundschulen in Hessen ab dem 22. Juni wieder vollständig geöffnet werden, also die Unterrichtsstunden für alle Schüler/innen in der Schule gehalten werden und das gegenwärtige „Lernen zu Hause“ damit beendet wird. „Bei allem Verständnis für die Nöte vieler Familien – dieser erneute Kurswechsel wäre eine Zumutung für die Lehrkräfte und Schulleitungen!“, kritisiert Stefan Wesselmann, der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Hessen die Pläne der Landesregierung.

Es ist gerade mal eine Woche her, seit die Grundschulen wieder alle Kinder stundenweise in der Schule haben – und dem ging ein enormer organisatorischer und logistischer Aufwand voraus. Die Schulleitungen mussten klären, welche Lehrkräfte einsetzbar sind, auf dieser Grundlage Stundenpläne für alle Lerngruppen erstellen, die aufgeteilten Klassen auf die verfügbaren Räume verteilen und andere (rechtsverbindliche) Vorgaben aus dem Kultusministerium umsetzen, neben dem Präsenzunterricht die Notbetreuung organisieren und im Kollegium eine sinnvolle Umsetzung des „Lernens zu Hause“ abstimmen.

Zu wenige Lehrkräfte, Räume und Busverbindungen
„Das soll nun alles hinfällig sein?“ fragt der VBE-Landesvorsitzende ungläubig und stellt ferner klar: „Es ist angesichts der beschränktem Raumkapazitäten und des Personalmangels nicht vorstellbar, wie die Schulen mehr Präsenzunterricht für alle Kinder bewerkstelligen können!“ Um zwei andere Beispiele zu nennen: Versetzte Schulzeiten sind dort nicht umsetzbar, wo die (meisten) Schüler/innen mit Bussen kommen, versetzte Pausenzeiten führen in den Ballungsräumen dank hoher Schülerzahlen bei gleichzeitig kleinen Schulhöfen dazu, dass Pausen sich über den gesamten Tag verteilen müssten.

Lehrkräfte als Versuchskaninchen?
In dem Hin und Her, das in den letzten Wochen geradewegs zum System geworden ist, werden die Lehrerinnen und Lehrer aus Sicht des VBE Hessen zum Spielball der Politik. „Auch wenn wir als Beamtinnen und Beamte unsere Dienstpflicht zu erfüllen haben und dies selbstverständlich tun, überspannt die Landesregierung nun den Bogen. Die Schulen scheinen ein Experimentierlabor für die Ansteckungsrisiken des Corona-Virus unter Kindern werden zu sollen – allerdings halten sich an Schulen nicht ausschließlich Kinder auf!“, kritisiert Wesselmann und verweist auf eine forsa-Studie, die der VBE-Bundesverband heute vorgestellt hat.

forsa-Umfrage: Lehrkräfte fühlen sich nicht geschützt
Dieser Umfrage zufolge fürchten die Lehrkräfte schon jetzt um ihre Gesundheit. So stellt der Bundesvorsitzende des VBE, Udo Beckmann, fest: „Jede dritte Lehrkraft fühlt sich durch die bestehenden Hygiene- und Schutzmaßnahmen nicht ausreichend geschützt. Es wird zu wenig getan, um den veränderten Bedingungen gerecht zu werden. So berichten 29 Prozent der Lehrkräfte, dass kaum oder keine Reinigungsmittel und dafür notwendige Handschuhe und Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt werden.“ Und der VBE-Landesvorsitzende Wesselmann ergänzt: „Während Supermärkte den Eindruck eines Hochsicherheitstrakts erwecken, sollen an Grundschulen sogar die grundlegenden Abstandregeln fallen. Da müssen sich die Kolleginnen und Kollegen ja wie Versuchskaninchen fühlen!“

Als geradezu zynisch empfinden es die Lehrkräfte, wenn der Virologe Drosten sagt, es gehe in der ersten Phase der Schulöffnungen darum, bis zu den Sommerferien etwas einzuüben, “das nach den Sommerferien zum Ernstfall wird“ und dabei ein besonderes Augenmerk auf Lehrer als Indikatoren zu legen.

Fürsorgepflicht des Dienstherrn
Die letzten Wochen haben bereits für Angst, Wut und Empörung an den Schulen gesorgt. Der Gipfel sei nun die Aussicht, dass die Freistellung vom Unterricht für Lehrkräfte über 60 Jahre gekippt wird, wie die Kultusministerkonferenz angedeutet hat – mit dem Ziel, mehr Personal an den Schulen verfügbar zu haben. „Zählen Personen über 60 Jahre also in dem Moment nicht mehr zur Risikogruppe, wenn sie an einer Schule beschäftigt sind?“ fragt der VBE-Landesvorsitzende und stellt fest: „Sollte das HKM so entscheiden, sehen wir die Fürsorgepflicht des Dienstherrn verletzt.“

Im Übrigen lassen sich diese Pläne nicht nur gegenüber den Lehrkräften schwer vermitteln, sondern auch gegenüber besorgten Eltern – weshalb mit weiteren Klagen wohl zu rechnen ist. „Auch aus diesem Grund halten wir den erneuten Kurswechsel für äußerst unvernünftig”, konstatiert Stefan Wesselmann. „Blinder Aktionismus wird nur zu weiterer Überforderung aller Beteiligten führen, von denen schon jetzt einige am Limit und mit dem Nerven am Ende sind – und zu chaotischen Zustände an vielen Schulen.”

Die Ergebnisse der forsa-Umfrage zum Gesundheitsschutz in geöffneten Schulen sind hier nachzulesen: https://www.vbe.de/presse/pressedienste-2020/umfrage-zeigt-ausreichender-gesundheitsschutz-fehlanzeige

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