Der Lehrkräftemangel ist dramatisch, nicht nur herausfordernd!

Der Lehrkräftemangel ist dramatisch, nicht nur herausfordernd!

„Wir freuen uns für Kultusminister Lorz, dass er guten Mutes in das neue Schuljahr geht – aber leider können wir seine Zuversicht nicht teilen“, kommentiert Stefan Wesselmann, der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Hessen, die Äußerungen des Kultusministers auf der heutigen Pressekonferenz zum Start des Schuljahres 2022/23.

Hauptproblem: der Lehrkräftemangel
„Überall ist die Lage angespannt. Aber im Rhein-Main-Gebiet muss man die Lage als dramatisch bezeichnen, auch wenn der Kultusminister sie nur für herausfordernd hält“, sagt Wesselmann. „Mit dieser Einschätzung sollte Herr Lorz sich besser nicht in die Lehrerzimmer und auf die Elternabende an Schulen trauen, die vom Lehrkräftemangel besonders betroffen sind.“

Der VBE Hessen nimmt an, dass aktuell durchschnittlich an jeder Schule mehr als eine Stelle, die fest finanziell eingeplant ist, unbesetzt bleibt, weil keine Lehrkraft zu finden ist. Bei knapp 2000 Schulen in Hessen ist also von mehr als 2000 solcher unbesetzten Planstellen auszugehen. Außerdem zeigt sich der Lehrkräftemangel an den 6000 bis 7000 befristeten Vertretungsverträgen – denn die meisten wurden nicht mit ausgebildeten Lehrkräften abgeschlossen, sondern mit Studierenden oder Menschen aus völlig anderen Berufen.

Die Folgen sind bitter: Wo es an Lehrkräften fehlt, werden zunächst Wahl- und Ganztagsangebote wie AGs gestrichen, der Förderunterricht wird eingeschränkt oder überhaupt nicht mehr angeboten. Angesichts der Auswirkungen der Pandemie auf den Lernstand und die sozial-emotionale Entwicklung vieler Schüler/innen und angesichts des hohen Bedarfs an Sprachförderung nicht nur bei Geflüchteten und Zuwanderern ist das natürlich katastrophal“, kommentiert Wesselmann.

Lösungsansätze: Studienplätze, Qualifizierung, A13
Die Arbeit unter solchen Bedingungen sorgt bei Lehrkräften und Schulleitungen für massive Überlastung und großen Frust – mit der Folge, dass manche krank werden, früher aus dem Beruf aussteigen oder ihre Arbeitszeit reduzieren und sich so der Personalmangel verschärft. „Das ist ein Teufelskreis, der nur durchbrochen werden kann, wenn das Land weiter in die Lehrkräfte-Ausbildung investiert, Quereinsteiger/innen gut qualifiziert und an den Schulen für bessere Arbeitsbedingungen sorgt“, bringt Wesselmann es auf den Punkt.

Zudem ist die faire Bezahlung von Grundschul-Lehrkräften überfällig: „A13 als Einstiegsgehalt und Beförderungsmöglichkeiten würde einige junge Menschen zum Berufseinstieg motivieren“, sagt der VBE-Landesvorsitzende. Zumal mehrere Bundesländer schon A13 zahlen oder wie Bayern ein Beförderungs-system eingeführt haben: „Hessen darf den Anschluss hier nicht verpassen!“

Corona-Pandemie: Prinzip Hoffnung statt klarer Regeln
„Beim Infektionsschutz setzt die Politik weiter auf das Prinzip Hoffnung“, kritisiert der VBE-Landesvorsitzende. Statt bundesweit einheitlicher Regeln und Vorgaben bleibt es am Ende den Ländern und Kommunen überlassen, wie sie auf das Infektionsgeschehen reagieren. Konflikte mit den Eltern und Stress für alle Beteiligten sind hier vorprogrammiert – das alles ist äußerst unbefriedigend und zermürbend. „Und nun bringen uns die steigenden Energiepreise vermutlich noch in die paradoxe Situation, dass Luftfilter, die mit großer Verspätung an den Schulen angekommen sind, möglichst wenig eingeschaltet werden sollen“, kommentiert Wesselmann.

Digitalisierung: Kleinklein statt Masterplan
Die „digitale Schule von morgen“, von der der Kultusminister gesprochen hat, bedeutet aus Sicht des VBE Hessen eine Schule, an der technische Ausstattung und personelle Ressourcen für Betreuung und Wartung, Fachwissen, klare Zuständigkeiten und ein rechtssicherer Rahmen die Lehrkräfte und sozialpädagogischen Fachkräfte in die Lage versetzen, jederzeit und ohne Komplikationen digitale Geräte, Medien und Software einzusetzen.

Dafür fordert der VBE Hessen einen Masterplan, nicht Feigenblätter wie den „Digital-Truck“ oder das neue Fach „Digitale Welt“, das an wenigen ausgewählten Schulen als Projekt eingeführt wird und eine winzige Zahl an Kindern und Jugendlichen und deren Lehrkräfte erreicht. „Piloten, Leuchttürme und Modelle sind gut und schön – aber sie bringen die Digitalisierung nicht flächendeckend und nicht schnell genug voran“, bringt es Wesselmann auf den Punkt.

Artikel als PDF downloadenDrucken