"Der Einsatz von Pensionären ersetzt nicht eine verlässliche Planung für die Schulen"

"Der Einsatz von Pensionären ersetzt nicht eine verlässliche Planung für die Schulen"

Der VBE Hessen hat das Schreiben des hessischen Kultusministers Lorz an pensionierte Lehrkräfte mit Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. „Wir verstehen zwar, dass das Kultusministerium unter Druck steht, die neu geschaffenen Lehrerstellen nun auch mit Menschen zu besetzen“, kommentiert Stefan Wesselmann, Vorsitzender des VBE Hessen: „Allerdings erwarten wir keinen großen Erfolg – und damit auch keine Entspannung an den Grundschulen.“

Der Mangel an Lehrerinnen und Lehrern in Hessen ist eklatant. Das Kultusministerium hatte deshalb Anfang der Woche 2200 pensionierte Grundschul- und Förderschullehrkräfte per Brief „um Unterstützung“ gebeten. Aktuelle Berechnungen hätten gezeigt, dass nicht alle der knapp 2000 Lehrerstellen, für die das Land Geld bereitgestellt hat, „derzeit besetzt werden können“. Dazu Wesselmann: „Diese aktuellen Berechnungen hätten wir gar nicht gebraucht, schließlich ist die Entwicklung nicht überraschend.“

Hohe Belastung und geringe Besoldung an den Grundschulen
Der VBE ist äußerst skeptisch, dass viele Pensionäre zu einer Rückkehr an die Schule zu motivieren sind. Die Belastung der Lehrerinnen und Lehrern ist an allen Schulen hoch, weil deren Aufgaben seit Jahren gewachsen sind, u.a. durch Ganztagesschule, Inklusion sowie die Integration von Flüchtlingskindern und –jugendlichen. „An den Grundschulen kommt verschärfend hinzu, dass die Lehrerinnen und Lehrer mit 29 Unterrichtsstunden pro Woche die höchste Unterrichtsverpflichtung haben, gleichzeitig aber deutlich weniger verdienen als die Kolleginnen und Kollegen an allen anderen Schulformen.“

Deshalb zolle der VBE Hessen jenen Lehrerinnen und Lehrern großen Respekt, die in der derzeitigen Notsituation aushelfen. „Aufgrund der hohen Belastung sind viele Lehrerinnen und Lehrer aber vermutlich einfach froh, wenn sie das Pensionsalter erreicht haben – selbst wenn sie jahrzehntelang mit Leidenschaft und Engagement im Einsatz waren“, so Wesselmann.

Gymnasiallehrkräfte müssen auf Einsatz an Grundschulen vorbereitet werden
Zur Idee des Kultusministeriums, auch Gymnasiallehrkräfte in die Grundschulen zu schicken, gibt der VBE Hessen zu Bedenken: Die Arbeit von Grundschul- und Gymnasiallehrkräften ist zwar gleichwertig, aber eben nicht gleichartig. Daher ist es unerlässlich, dass Gymnasiallehrkräfte für den Einsatz in Grundschulen vorbereitet werden, nämlich durch Qualifikation in Pädagogik, Methodik und Didaktik. „Allerdings frage ich mich: Wie viele Gymnasiallehrerinnen und -lehrer sind wohl bereit, mehr zu unterrichten und gleichzeitig weniger zu verdienen?“, so Wesselmann angesichts der Benachteiligung der Grundschullehrkräfte.

Lehrkräfte müssen nach Bedarf eingestellt werden – nicht nach Kassenlage
„Der verzweifelte Hilferuf an die Pensionäre wäre nicht nötig, wenn die Politik sich in der Vergangenheit bei der Einstellung von Lehrkräften am tatsächlichen Bedarf orientiert hätte“, konstatiert der VBE-Landesvorsitzende. Stattdessen sei nur nach Kassenlage und von Wahl zu Wahl entschieden worden. „Wir brauchen endlich Planungssicherheit für die Schulen – und bessere Arbeitsbedingungen für die Lehrerinnen und Lehrer an den Grundschulen.“ Dazu gehört ganz wesentlich die gleiche Besoldung beim Berufseinstieg (A13).

Ergänzende Information für das Rhein-Main-Gebiet:
Bei den Grundschulen spitzt sich der Lehrermangel vor allem im Rhein-Main-Gebiet seit Jahren stetig zu. Grund dafür ist auch die Einführung des sogenannten Sozialindex – eigentlich eine gute Idee. Diesem zufolge sollen Schulen in Einzugsgebieten nämlich mit besonderen Herausforderungen mit mehr Lehrerstellen versorgt werden. So gibt es in Rhein-Main inzwischen viele Grundschulen, die zwar zusätzliche Stellen zugewiesen bekommen, diese aber nicht besetzen können.

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