„Das Kultusministerium sollte bei allen Plänen auch die Expertise der Förderschulen einholen!“

„Das Kultusministerium sollte bei allen Plänen auch die Expertise der Förderschulen einholen!“

(28.04.2021) Nach anderthalb Wochen mit verpflichtenden Selbsttests haben sich einige Befürchtungen des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Hessen bezüglich der Selbsttests an den Förderschulen mit den Schwerpunkten geistige Entwicklung sowie körperlich-motorische Entwicklung bestätigt.

So haben vor allem Kinder und Jugendliche mit kognitiven Einschränkungen häufig Scheu oder Angst davor, sich die Teststäbchen in die Nase einzuführen. Viele Schüler/innen mit körperlichen Einschränkungen oder mit Mehrfachbehinderung können die Tests nicht selbst durchführen und sind daher auf Unterstützung anderer angewiesen. Weil es dafür vielerorts an zusätzlichem externen Personal fehlt, das zum Testen berechtigt ist, geht viel Unterrichtszeit verloren.

Besondere Kinder, besondere Bedürfnisse
Außerdem gibt es eine beträchtliche Anzahl an Kindern, die dazu neigen, sich kleine Gegenstände in die Ohren oder in die Nase zu stecken und die mit Hilfe von Eltern und Lehrkräften lernen oder gelernt haben, dies zu unterlassen. Eine Testung per Nasenabstrich kommt für diese Kinder schlicht nicht infrage. „Es darf aber nicht sein, dass der Schulbesuch daran scheitert und die Kinder im Distanzunterricht bleiben müssen“, kritisiert Joachim Trautmann, Ansprechpartner für die Förderschulen beim VBE Hessen.

Wenig Erfahrung, wenig Bewusstsein
Der Unmut, dass bei der Planung der Selbsttests die Besonderheiten an Förderschulen wieder nicht mitbedacht worden sind – wie so oft während der Pandemie – ist besonders an den Schulen mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung groß. „Offenbar gibt es im Kultusministerium wenige Erfahrungen mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderung und wenig Bewusstsein für deren spezielle Bedürfnisse. Umso wichtiger wäre es, frühzeitig die Expertise der Förderschulen einzuholen“, stellt Trautmann klar.

Lolli-Tests, Testen zu Hause und Ausnahmen
Der VBE Hessen fordert, Alternativen zu den derzeit gängigen Selbsttests an den Schulen zu ermöglichen. Dies könnten beispielweise Lolli-Tests sein oder die Erlaubnis, in Ausnahmefällen den Eltern die Tests mit nach Hause zu geben. Denn im vertrauten Umfeld und in Anwesenheit der Eltern fällt das Testen vielen Kindern leichter.

Einige Förderschulen haben darauf bereits reagiert und bieten den Eltern an, morgens mit an die Schule zu kommen und gemeinsam mit ihrem Kind den Test durchzuführen. Das wiederum ist aber mit einem hohen logistischen Aufwand verbunden, damit die Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden können.

Außerdem muss aus Sicht des VBE Hessen dringend die Frage geklärt werden, ob generell Ausnahmen von der Testpflicht möglich sind – wie z.B. bei den oben erwähnten Schüler/innen, für die ein Abstrich nicht infrage kommt oder bei Schüler/innen, die sich schlicht dem Abstrich verweigern. „Hier muss so schnell wie möglich nachgesteuert werden. Alternativen oder Ausnahmen zu den Selbsttests könnten den Schulen, vor allem aber den Kindern und ihren Eltern vieles ersparen“, fordert Joachim Trautmann.

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