„Durch die Verankerung im Schulgesetz wird digitale Bildung nicht besser!“

„Durch die Verankerung im Schulgesetz wird digitale Bildung nicht besser!“

(16.09.2020) „Der Stand der Digitalisierung ist niederschmetternd und eines reichen Landes unwürdig“, stellte der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Hessen, Stefan Wesselmann, heute bei einer Anhörung zu digitaler Bildung vor dem Kulturpolitischen Ausschuss im Hessischen Landtag fest.

Anlass der Anhörung war eine Gesetzesinitiative der FDP-Fraktion, derzufolge die digitale Bildung im Schulgesetz verankert werden soll. Der VBE Hessen begrüßt diese Gesetzesinitiative vom Grundsatz her, weil damit einem zentralen Thema Gewicht verliehen würde. Allerdings macht der VBE Hessen auch auf die Gefahren einer solchen Gesetzesänderung aufmerksam:

• Digitalisierung in der Schule ist kein Selbstzweck. Sie bereichert den herkömmlichen Unterricht, aber sie ersetzt ihn nicht.
• Digitalisierung in der Schule darf nicht dazu führen, dass Lernen
nach Hause an die Eltern delegiert wird. Das belastet diese nicht nur, sondern verschärft auch die Chancenungleichheit.
• Die Aufnahme der digitalen Bildung ins Hessische Schulgesetz darf nicht dazu führen, dass der Gesetzgeber darauf weitere Ansprüche gründet, die von den Schulen nicht erfüllt werden können.
• Viel wichtiger, als die digitale Bildung im Schulgesetz zu verankern, ist die entsprechende Unterstützung für Schule, und zwar jenseits der Beschaffung von „Hardware“.

Medienzentren: Profis bei Hard- und Software
Das beste Beispiel für das Stückwerk bei der Digitalisierung der Schulen ist der aktuelle Versuch, (bedürftige) Schüler/innen mit Tablets zu versorgen: „Wie soll Digitalisierung gelingen, wenn mobile Endgeräte einfach nur angeschafft und bei den Schulen abgeladen werden?“ fragt der VBE-Landesvorsitzende Wesselmann. Zu viele Fragen seien noch offen, z.B.: Wie soll die „Bedürftigkeit festgestellt werden? Wer richtet die Geräte ein, damit die Schüler/innen diese zu Hause nutzen können und Internet-Zugang bekommen? Was passiert, wenn Geräte defekt oder gar nicht zurückgegeben werden?
„Hier wird den Schulen weitere Arbeit aufgedrückt, obwohl das Land Hessen gemeinsam mit den Schulträgern Medienzentren betreibt, die für die Verteilung und Wartung der Tablets prädestiniert wären“, kritisiert Wesselmann.

Digitale Plattform, analoge Nutzung
Andere Probleme sind noch viel grundsätzlicher: das Fehlen des Breitband-Internets, die teils mittelalterlich anmutende IT-Ausstattung an Schulen (je nach Willen und finanziellen Möglichkeiten des Schulträgers), der Mangel an Netzwerklösungen, datenschutzkonformen Clouds und Videokonferenz-Systemen.

Auch das Hessische Schulportal ist bisher eher eine Informations- und Kommunikationsplattform als eine Lernplattform – und bei der Nutzung ist das einzig Digitale der Übermittlungsweg: Ein analoger Arbeitsauftrag wird eingescannt, über das Schulportal an die Lernenden verteilt, die diesen ausdrucken, analog ausfüllen, einscannen bzw. fotografieren und wieder über das Schulportal an die Lehrkraft übermitteln. „Digitales Lernen sieht anders aus – und durch die bloße Verankerung des Themas im Schulgesetz wird das nicht besser“, stellt Wesselmann ernüchtert fest.

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