"Trotz mehr Geld für die Bildung sind längst nicht alle Probleme gelöst"

"Trotz mehr Geld für die Bildung sind längst nicht alle Probleme gelöst"

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Hessen sieht die Vorhaben und den positiven Ausblick des hessischen Kultusministers Prof. Dr. Alexander Lorz auf das kommende Schuljahr zwiespältig. „Wir erkennen an, dass die hessische Landesregierung im Haushalt 2017 ganze 66 Millionen Euro eingeplant hat, um die Integration von Flüchtlingskindern ins hessische Schulsystem zu stemmen“, sagt Stefan Wesselmann, Vorsitzender des VBE Hessen. „Doch damit sind längst nicht alle Probleme gelöst.“

„Hessen hat im Ringen um Lehrkräfte schlechte Karten“

So stellt sich für den VBE Hessen die Frage, ob die 1100 Lehrerstellen, die mit den zusätzlichen Millionen geschaffen werden sollen, überhaupt besetzt werden können. Schon jetzt herrscht in Hessen Lehrermangel und das Abwerben unter den Bundesländern für das Schuljahr 2016/17 läuft auf Hochtouren. „Im Ringen um den Nachwuchs hat Hessen aber schlechte Karten“, konstatiert Wesselmann: „In anderen Bundesländern, wie z.B. im benachbarten Bayern bekommen die Lehrerinnen und Lehrer mehr Gehalt für weniger Arbeit.“

“Schulen außerhalb der Ballungszentren müssen Integration nebenbei leisten”

Wesselmann kritisiert außerdem, dass die ländlicheren Regionen wieder leer ausgehen: „Die Lehrerstunden zur Integration der Flüchtlingskinder kommen dort nicht an, weil deren Anzahl an den Schulen nicht so hoch ist. Das heißt: Schulen, die keine Intensivklassen oder -kurse einrichten können, bekommen ansonsten oft keinerlei Unterstützung. Die Schulen außerhalb der Ballungszentren müssen die Integration also weiterhin nebenher leisten.“

„Die inklusiven Schulbündnisse bewirken zum Teil das Gegenteil von Inklusion“

Auch beim Thema „Inklusive Schulbündnisse“ bleibt der VBE Hessen kritisch. „Wir sollten uns nicht davon blenden lassen, dass zum Schuljahresstart 250 neue Stellen für den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung geschaffen werden“, mahnt Wesselmann: „Defacto zeigt sich schon jetzt, wie sich die Lernbedingungen für viele Kinder mit Behinderung verschlechtern.“
Das gilt besonders für Kinder mit dem Förderbedarf Geistige Entwicklung, die eine Regelschule besuchen: Bislang bekamen sie eine persönlich zugewiesene Unterstützung von 4,9 Stunden pro Woche durch einen Sonderpädagogen – zusätzlich zu den Mitteln für inklusiven Unterricht, die der Schule pauschal zufließen. Diese so genannten Rucksack-Stunden fallen nun weg. Die Folge: Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden in einer Klasse zusammengefasst, damit die Schule die Förderung halbwegs leisten kann – doch das ist das Gegenteil von Inklusion.

„Mehr Betreuung heißt nicht bessere Betreuung“

Kultusminister Lorz hat bekräftigt, die Ganztagesangebote im Land ausbauen zu wollen: 110 weitere Schulen machen beim „Pakt für den Nachmittag“ mit, davon 65 Grundschulen. Der VBE heißt das Ziel, für ein größeres Bildungs- und Betreuungsangebot an den Schulen zu sorgen, prinzipiell für gut.

Allerdings weist der VBE Hessen darauf hin, dass Ganztagesangebote keinesweigs Ersatz für die Ganztagesschule sind – und auch nicht verwechselt werden dürfen: Der Pakt für den Nachmittag sorgt für (fachlich gesicherte) Betreuung nach der Unterrichtszeit. Bei der Ganztagsschule sind Unterrichts-, Betreuungs- und Förderangebote über den ganzen Tag (in der Regel bis 16 Uhr) verteilt. „Wo Ganztagsschule draufsteht, muss auch Ganztagsschule drin sein“, stellt Stefan Wesselmann klar.

Außerdem zeigten die bisherigen Erfahrungen mit den Pakt für den Nachmittag: „Mehr Betreuung heißt nicht bessere Betreuung.“ Der Landkreis Offenbach – eine der Pilotregionen im „Pakt für den Nachmittag“ – sei dafür der beste Beweis, nämlich „ein Flickenteppich von privaten und kommunalen Angeboten, von notdürftiger Aufbewahrung bis hin zu fachlich qualifizierten Betreuung und Bildung.“

Der VBE Hessen fordert das Kultusministerium deshalb auf, die Qualität der Angebote sicherzustellen. „Die über 30 Schulträger in Hessen sind finanziell unterschiedlich gut ausgestattet und Bildung nimmt nicht überall einen gleich hohen Stellenwert ein“, sagt Wesselmann: „Wir brauchen deshalb unbedingt Vorgaben für die Arbeit der Schulträger im `Pakt für den Nachmittag´.“

„Dem Konzept zur Qualifizierung von Schulleitungen fehlen pädagogische Ansätze“

Äußerst kritisch sieht der VBE Hessen ferner das Konzept für die Qualifizierung von Schulleiterinnen und Schulleitern. „Die Idee, Schulleitungen noch besser auf die vielfältigen Herausforderungen des Schulalltags vorzubereiten, begrüßen wir ausdrücklich“, so Wesselmann. Doch das Konzept für den Piloten trage die Handschrift von Unternehmensberatungen, die für die Hessische Lehrkräfteakademie arbeiten: „Viele Inhalte sind nicht auf Schulen, sondern auf Unternehmen zugeschnitten – von pädagogischen Ansätzen findet sich da keine Spur.“

Die Positionen des VBE Hessen zur sonderpädagogischen Förderung und zur Ganztagsschule finden Sie auf der Homepage des VBE Hessen unter:
https://www.vbe-hessen.de/aktuelles/positionen.
Ebenfalls auf der Homepage: frühere Pressemitteilungen zu den Themen Ganztagsschule und Integration von Flüchtlingskindern.

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