Wo hakt es bei der Inklusion? VBE Hessen im Gespräch mit Christoph Degen

Wo hakt es bei der Inklusion? VBE Hessen im Gespräch mit Christoph Degen

(12.05.2022) Im Februar 2022 hatte sich die VBE-Landesleitung mit Christoph Degen, dem bildungspolitischen Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag, zu einem digitalen Austausch über den Schulalltag in der Pandemie getroffen. Am 9. Mai 2022 haben sich beide Seiten nun nochmals Zeit genommen, um ausschließlich über Inklusion und Förderschulen zu sprechen – ein Thema, das in den vergangenen beiden Jahren viel zu kurz gekommen ist, um nicht zu sagen: ein Thema, bei dem es wegen Corona eher Rückschritte als Fortschritte gab. Denn zum einen fanden die speziellen Bedürfnisse von Kindern mit Förderbedarf und die Besonderheiten an Förderschulen wenig Beachtung, zum anderen wurde die individuelle Förderung durch Corona-Regeln und Distanzunterricht erschwert.

Auf Seiten des VBE Hessen nahmen Joachim Trautmann (stellv. Landesvorsitzender und Ansprechpartner für die Förderschulen), Ulrike Kunzer (Förderschullehrerin und Frauenbeauftragte des VBE Hessen) und Stefan Wesselmann (VBE-Landesvorsitzender und Schulleiter) an dem Gespräch teil. Zu Beginn umriss Joachim Trautmann einige zentrale (pandemie-unabhängige) Probleme.

• Der Erlass zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs, der seit November 2021 für alle Förderschwerpunkte gilt, setzt auf „Doppelkriterien“ und Bestätigung der Stellungnahmen durch Schulleitung und Amtsleitung. Diese hohen Hürden und der bürokratische Aufwand könnten am Ende dazu führen, dass weniger Kinder und Jugendliche, die eine Förderung bräuchten, diese auch bekommen.
Dies birgt aus Sicht des VBE perspektivisch die Gefahr, dass angesichts sinkender Zahlen von Kindern mit anerkanntem sonderpädagogischen Förderbedarf auch Mittel gekürzt werden könnten.

• Weil die knappen Ressourcen für die sonderpädagogische Förderung auf Regel- und Förderschulen verteilt werden müssen, kann weder hier noch dort adäquate Förderung geleistet werden („System der kommunizierenden Röhren“). Außerdem kommen durch die systemische Zuweisung nur wenige Stunden bei der einzelnen Schülerin bzw. dem einzelnen Schüler an.

• Bei Förderausschüssen steht das Ergebnis mitunter schon vorher fest, weil Staatliche Schulämter den Protest oder die Klage der Eltern scheuen und Vorsitzende von Förderausschüssen in „vorauseilendem Gehorsam“ in deren Sinne abstimmen. So enden Förderschüsse immer wieder mit einer Entscheidung für die inklusive Beschulung, trotz gegenteiliger Empfehlung in der förderdiagnostischen Stellungnahme der Förderschullehrkraft. Dies ist aus Sicht des VBE Hessen eine Missachtung des Kindeswohls und zudem eine Geringschätzung der Kompetenz der Förderschullehrkräfte, da die Stellungnahmen sehr aufwändig und detailreich sind und die damit verbundene Mehrarbeit letztlich umsonst ist.

• Der medizinische Fortschritt führt dazu, dass an den Förderschulen viele Kinder mit starken Einschränkungen unterrichtet werden, die auf besonders ausgestattete Rollstühle und andere technische Geräte sowie intensive Unterstützung und Pflege angewiesen sind. In der Folge ist nicht nur mehr Personal notwendig als früher, auch die Räume sind zu knapp bemessen.

Im anschließenden Gespräch bekräftigte Christoph Degen sein Bekenntnis zur Inklusion, bevor die Runde sich über viele Detailfragen austauschte. So kamen die besonderen Herausforderungen durch ESE-Schüler/innen in der Inklusion ebenso zur Sprache wie die Tücken bei der Zuweisung von Mitteln für die sonderpädagogische Förderung bzw. deren Verteilung über die inklusiven Schulbündnisse.

Einig waren sich beide Seiten, dass zur Entlastung aller Lehrer/innen u. a. eine größere Vertretungsreserve notwendig wäre und die Schulsozialarbeit ausgebaut werden müsste.

Einigkeit bestand auch in der Auffassung, dass Inklusion nicht mehr weg zu denken ist aus dem Schulalltag. Allerdings warnt der VBE davor, dass die Akzeptanz für Inklusion an den Schulen rapide sinkt, wenn die Rahmenbedingungen mangelhaft und belastend sind und viele Lehrkräfte nicht mehr überzeugt sind, die Kinder so angemessen fördern zu können.

Ulrike Kunzer, die seit Schuljahresbeginn als Förderschullehrerin gleichberechtigt mit einer Grundschullehrerin eine Kooperationsklasse an einer Grundschule leitet, betonte, wie wichtig es ist, alle Modelle und Pilotprojekte gründlich zu durchdenken, damit diese nicht zu Lasten von Schülerinnen und Schülern sowie Kolleginnen und Kollegen gehen. „Es klappt nicht ohne Anpassung der Ausbildung und der Bezahlung, ohne gute Ausstattung der Schulen und ohne Akzeptanz durch die betroffenen Lehrkräfte“, brachte Kunzer es auf den Punkt.

Die Wahlfreiheit zwischen Förderschule und inklusivem Unterricht an der Regelschule muss aus Sicht des VBE Hessen unbedingt erhalten bleiben. „Wir sind nicht festgelegt auf ein System, weil wir von den Kindern und Jugendlichen her denken“, fasste Wesselmann zusammen.

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