VBE-Landesleitung beim Kultusminister

VBE-Landesleitung beim Kultusminister

(25.04.2022) Neue Corona-Regelungen und alte Probleme in der Inklusion, die Zukunft der Ganztagsangebote sowie Herausforderungen für die Schulen durch geflüchtete Schüler/innen aus der Ukraine: Diese Themen hatte der VBE Hessen für ein Treffen mit Kultusminister Prof. Dr. Alexander Lorz am Freitag vor den Osterferien auf die Tagesordnung gesetzt.

Nach mehreren Videokonferenzen in den vergangenen beiden Jahren waren Stefan Wesselmann, Angela Tüncher, Anke Schneider, Stefanie Hoffmann und Joachim Trautmann von der VBE-Landesleitung diesmal zu einem persönlichen Gespräch nach Wiesbaden gekommen. Passend zu den Themen, die der VBE eingereicht hatte, waren auf Seiten des HKM außer dem Kultusminister mehrere Mitarbeiter/innen aus verschiedenen Abteilungen und Referaten (u.a. Förderschule, Ganztag, Datenschutz) vertreten bzw. zugeschaltet.

Inklusion
Joachim Trautmann spiegelte dem HKM die geteilten Meinungen der Lehrerschaft zu den neuen Richtlinien zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs sowie das grundsätzliche Problem, dass durch die systemische Zuweisung von Ressourcen nur wenig bei der einzelnen Schülerin bzw. dem einzelnen Schüler ankommt.

Zur Sprache brachte der VBE außerdem, dass Förderausschüsse oft mit einer Entscheidung gegen die förderdiagnostischen Empfehlungen und im Sinne des Elternwillens für eine inklusive Beschulung enden, wenn Staatliche Schulämter deren Protest oder gar eine Klage scheuen. Der VBE-Landesvorsitzende kritisierte es als fatale Entscheidung gegen das Kindeswohl, wenn beispielsweise ein Förderausschuss bei einem Kind den Förderbedarf GE feststelle, diesem dann aber nicht die angemessene Förderung in kleinen Lerngruppen und mit individueller sonderpädagogischer Betreuung zuteilwerde, was an der Förderschule besser möglich ist als an einer großen Regelschule mit vollen Klassen.

Joachim Trautmann machte außerdem deutlich, dass der steigende Bedarf an Ressourcen, die auf Regel- und Förderschulen verteilt werden müssen, dazu führe, dass weder hier noch dort adäquate Förderung geleistet werden könne. Schließlich wies er darauf hin, dass die Budgets für Klassenfahrten von Förderschulen unbedingt erhöht werden müssten, da es dort höhere Kosten u.a. für Transport und Betreuung gebe.

Ganztag
Mit Blick auf die „Betreuungsgarantie“ in ganztägig arbeitenden Schulen ab 2026 fragte Anke Schneider nach, wie diese Garantie angesichts des Personal- und Raummangels an den Schulen eingelöst werden soll. Problematisch sei außerdem, dass die Zuständigkeit für die Betreuungsangebote bei den Schulen abgeladen werde, obwohl die Zahl der Betreuungsplätze in der Regel von der finanziellen Unterstützung der Kommune und dem Raumangebot des Schulträgers abhängt und die Schulen daher – außer im Falle einer gebundenen Ganztagsschule – gar nicht in der Verantwortung stehen.

Ukraine
Der VBE Hessen stellte klar, dass die Behauptung des Kultusministers gegenüber der Presse von Anfang März, „das hessische Schulsystem (sei) auf die ankommenden Flüchtlinge gut vorbereitet“ unter Lehrkräften mindestens Irritationen, wenn nicht sogar Ärger und Spott ausgelöst habe. „Natürlich gibt es ein Sprachförderkonzept des HKM. Aber wir haben weder Personal noch Räumlichkeiten übrig. Viele Intensivklassen sind bereits voll – und die Regelklassen, in denen die Kinder und Jugendlichen ja auch einige Stunden verbringen sollen, sind es häufig auch. Wie sollen die Kinder und Jugendliche da die Unterstützung bekommen, die sie brauchen?“, fragte Angela Tüncher. „Am Ende müssen die Kolleginnen und Kollegen auch diese zusätzliche Aufgabe wieder irgendwie stemmen.“

Unterdessen ist das HKM bemüht, geflüchtete Pädagoginnen und Pädagogen mit Deutsch-Kenntnissen für den Einsatz an den Schulen zu gewinnen – gut hundert interessierte Personen hatten sich bis Ostern bereits gemeldet. Mit Blick auf die Schüler/innen aus der Ukraine sicherte das HKM zu, dass die Intensivklassen an Grundschulen auch künftig nicht mehr als 16 Kinder aufnehmen sollen. 10-jährige Schüler/innen sollen an weiterführende Schulen gehen, weil es dort mehr Kapazitäten gibt und das der Zuordnung im ukrainischen Schulsystem entspreche.

Corona-Pandemie
Beim Themenkomplex Corona stellte der VBE Hessen klar, dass nach Ende der Abmelde-Möglichkeiten vom Präsenzunterricht Anfang Mai im Blick behalten werden müsse, dass diejenigen, die bisher aufgrund der Testpflicht nicht am Präsenzunterricht teilnehmen, sich nicht von einem unseriösen Arzt ein „Risikogruppen-Attest“ besorgen, um weiterhin der Schule fernbleiben zu können.

Die Leistungsfeststellung und -bewertung von Mädchen und Jungen im Distanzunterricht treibt ebenfalls viele Lehrkräfte um, weil Leistungen nicht sicher den einzelnen Personen zugeordnet werden können, wenn sie nicht zumindest teilweise unter Aufsicht der Schule erbracht wurden. Der VBE betonte, dass es auch möglich sein müsse, in einzelnen Fächern keine Note zu erteilen, wenn dies durch reinen Distanzunterricht (z. B. in Sport und Musik in der Grundschule) nicht angemessen möglich sei.

Belastung des Personals an den Schulen
Der VBE Hessen wies ferner erneut auf die Belastungen für Lehrkräften und Schulleitungen hin, die sich durch die Pandemie weiter zugespitzt haben. Angesichts dessen appellierte der VBE an den Kultusminister, die Schulen derzeit nicht mit Schulentwicklungsgesprächen und der Arbeit an Konzepten zu belasten. Sinnvoller sei es ohnehin, wenn den Schulen Vorlagen zur Verfügung gestellt würden, die sie an die Besonderheiten vor Ort anpassen könnten. „Das wäre auch effizienter und wertschätzender, als wenn 1800 Schulen in Hessen versuchen, das Rad neu zu erfinden und dann die fertigen Konzepte von ihren Schulämtern mit Korrekturen und Änderungswünschen zurückbekommen“, stellte der VBE-Landesvorsitzende Stefan Wesselmann klar.

Hoffnung auf Entlastung verbindet der VBE Hessen mit den Schulverwaltungsfachkräften, um die es allerdings recht ruhig geworden ist. Der VBE merkte kritisch an, dass sichergestellt werden müsse, dass vor allem Schulen von dem Programm profitieren, die bislang unterversorgt sind, z.B. mit Stunden für das Sekretariat. Daher ist es auch VBE-Sicht notwendig, hessenweite Mindeststandards für die Ausstattung der Verwaltung an den Schulen zu formulieren.

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